Logo: 5 Tage schlauer

Was ist das Themenjahr?

Themenjahr 2018: Industrialisierung und soziale Bewegungen in Thüringen

«Industriekultur»: Wer dieses Stichwort hört, wird als Erstes an die große Ballungszentren Westdeutschlands denken. Mit solcherlei Missverständnissen aufzuräumen ist einer der Ansprüche, die sich das «Themenjahr 2018: Industrialisierung und soziale Bewegungen in Thüringen» gesetzt hat. Denn ganz gleich, ob es um die industrielle Entwicklung, die Entstehung sozialer Bewegungen oder allgemein die kulturellen Entwicklung geht, die Deutschland und Europa zu dem gemacht haben, was sie heute sind: Am Freistaat im Herzen Europas führt bei kaum einer dieser Themen ein Weg vorbei.


Industriekultur an authentischen Orten erleben

Im Themenjahr 2018 gilt es einen Teil der - auch in der wissenschaftlichen Arbeit noch mit einigen weißen Flecken versehenen - Geschichten von sozialen und wirtschaftlichen Umbrüchen aufzugreifen und neu zu erzählen. Dabei hat der Freistaat einen entscheidenden Vorteil: Passend zu den historischen Meilensteinen gibt es hier die authentischen Orte, die diese Geschichten erlebbar machen. Dass das Land in der Mitte Deutschlands bereits sehr früh auch ein Land der Industrie war, hat bisher in der breiten Öffentlichkeit relativ wenig Beachtung gefunden. Doch spätestens seit dem erfolgreichen Wiederaufbau einer soliden Wirtschaft, die bis heute von viel Gründer- und Innovationsgeist gespeist wird, gewinnen die Grundlagen und Traditionen der Industriekultur wieder mehr an Bedeutung. So baut auch die moderne Arbeitswelt auf diesen Erfahrungen auf - und befindet sich dabei selbst, durch die fundamentalen Veränderungen der immer stärker voranschreitenden Digitalisierung, vor großen Herausforderungen.


Thüringen: Ein Schwergewicht unter den deutschen Industrieregionen

Die Grenzen der Geschichte der Industriekultur sind fließend - sie beginnen mit den tiefgreifenden Umwälzungen im Zuge der industriellen Revolution in der Mitte des 19. Jahrhunderts und münden in große Themenfelder: Die Weimarer Verfassung, die Entstehung der mitteleuropäischen Arbeiterbewegung, die Bauhaus-Bewegung und nicht zuletzt die Gründung des Landes Thüringen im Jahr 1920 als föderaler Teil eines republikanischen Deutschlands - nur einige der Jubiläen, die es in den kommenden Jahren zu feiern gibt.

Im Spannungsbogen der Zeit zwischen 1850 und nach dem ersten Weltkrieg gibt es somit unzählige Thüringer Geschichten zu erzählen – z.B. die von der Gründung einer kleinen optischen Werkstatt im Umfeld der Jenaer Universität hin zu den Weltkonzernen Zeiss und Schott mit ihrer einmaligen Stiftungsstruktur, von der Thüringen bis in die Gegenwart profitiert.

Spätestens um das Jahr 1900 gehörte Thüringen nach Sachsen, Berlin, Hamburg, Bremen, dem Ruhrgebiet und Oberschlesien zu den am stärksten industrialisierten Gegenden des Deutschen Reiches. Doch anstelle der klassischen Schwerindustrie bildeten eher kleine und mittelgroße Produktionsstätten das Rezept für den Erfolg der Region. Mit der zunehmenden Spezialisierung auf bestimmte Märkte konnten die thüringischen Unternehmen im In- und Ausland Märkte erobern und sich fest etablieren - die Glas- und Porzellanherstellung ist nur ein Beispiel.

Beispielhaft für den tiefgreifenden Wandel, der auch das Leben in den thüringischen Regionen bestimmte und der Freiräume für neue Entwicklungen schuf, ist auch die Arbeit des Bauhaus-Wegbereiters Henry van de Velde. Grundlegende Ideen wie die Verbindung von Handwerk und Industrietechnologie waren schon in van de Veldes Kunstgewerbeschule in Weimar gelegt worden - und sollten sich später in Walter Gropius' Formel von den Bauhaus-Werkstätten als «Laboratorien» für die Industrie wiederspiegeln. Die Industriekultur Thüringens hat somit einen festen Platz in der Bauhaus-Jubiläum, das 2019 weltweit begangen wird.

In fast allen Regionen des Freistaats finden sich Spuren jener dramatischen Zeit voller wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche und Neuanfänge. Fast das gesamte Land wird so zum begehbaren Museum - von der Gießerei Heinrichshütte in Wurzbach über die Schraubenfabrik Graba in Saalfeld bis zum Kalibergwerk Bleicherode, um nur einige zu nennen.

Unternehmen wie die Zuckerfabrik Oldisleben oder das Schaubergwerk Merkers wurden neben der modernen Produktion als Museen erhalten oder dienen wie das Firmengebäude von Topf und Söhne in Erfurt bereits der Erinnerungskultur. Andere Firmen wie Schott oder Zeiss haben sich über die Jahrhunderte gerettet und sind bis heute führend in ihrem Fach und können eine entsprechend lebhafte Firmenhistorie aufweisen, die etwa im Optischen Museum Jena und dem Zeiss-Archiv Jena aufgearbeitet werden.


Grundstein für soziale Bewegungen

Politische Grundsteine finden sich an Erinnerungsorten wie dem goldenen Löwen in Eisenach, einem der wichtigsten Stätten deutscher Sozialdemokratie, wo 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet wurde. Im Jahr 1875 schloss diese sich dann mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein im Gothaer Tivoli zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschland, dem direkte Vorgänger der SPD, zusammen. Einige Jahre später, 1890, verabschiedete die SPD in Erfurt ein neues Grundsatzprogramm, in dem u.a. das Frauenwahlrecht eingefordert wurde. Doch auch von der breiten Öffentlichkeit fast vergessene Spuren wie die anarcho-syndikalistische Bakunin-Hütte bei Meiningen sind als Zeugen dieser Ära übrig geblieben.

Die Rolle Thüringens als Kernland der Arbeiterbewegung ist somit untrennbar mit dem industriellen Aufstieg verbunden. Denn gerade die Kleinteiligkeit des Landes, die Dichte von Kultur- und Bildungslandschaft machten viele Entwicklungen erst möglich. Eisenach, Gotha und Erfurt gelten bis heute als die Geburtsstätten deutscher Sozialdemokratie - 1918/19 war Thüringen mit seinen vielen Revolutionen ein Zentrum der demokratischen Umwälzung in der deutschen Provinz.


Die wichtigste Aufgabe: Akteure sichtbar machen und vernetzen

Bereits dieser skizzenhafte Überblick zeigt, dass es in Thüringen eine Vielzahl von Akteuren gibt, die sich den verschiedenen Facetten der Industriekultur gewidmet haben. Wahrgenommen werden viele davon jedoch teilweise noch viel zu wenig. Das Themenjahr will daher die verschiedenen Angebote besser vernetzen und sichtbarer machen. Der Wert der Industriekultur als Teil der gesamten Kulturlandschaft sollte nicht unterschätzt werden - stellt sie doch eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung und Weiterentwicklung des Wirtschaftsstandorts Thüringens dar.

Erzählt werden diese Geschichten während des Themenjahres gleich in einer ganzen Reihe von Veranstaltungen: Den Beginn markiert die Auftaktveranstaltung am 9. März 2018. Neben der zentralen Hauptausstellung in Pößneck beteiligen sich viele Museen mit Satellitenausstellungen am Themenjahr. Die wissenschaftliche Aufarbeitung aller Themengebiete wird im Juni bei einer Fachtagung in Pößneck im Mittelpunkt stehen. Mit den dezentralen Aktionswochen zur Novemberrevolution und der Abschlusskonferenz am 2. November in Gotha endet das Themenjahr - mit dem Ausblick auf den ersten Weltkrieg, und die Gründung des föderal verfassten Landes Thüringen im Jahr 1920 und das große Bauhaus-Jubiläum 2019.


Leitausstellung

Besonders viel Schauwert besitzt die zentrale Ausstellung «Erlebnis Industriekultur- Innovatives Thüringen seit 1800» in Pößneck, die vom 6. Juni bis zum 9. September 2018 zu sehen ist. Auf einer Fläche von 800 m² werden die Traditionslinien der Industriekultur in Thüringen präsentiert. Ausstellungsort ist die markante «Shedhalle» in Pößneck mit ihrem auffälligen Sägezahndach. Dargestellt werden insbesondere die Jahre zwischen 1800 und 1920, ergänzt um Ausblicke auf Gegenwart und Zukunft des Landes. Anstatt einer chronologischen Aufarbeitung konzentriert sich die Ausstellung auf die Herausbildung einer industriellen Wirtschaftslandschaft, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm und bis zur «Industrie 4.0» in der Gegenwart führt.

Dabei gibt es viel zu erfahren - etwa über die wichtigsten Industriezweige der verschiedenen Regionen. Oder Unternehmen, die besonders erzählenswerte Geschichten hinterlassen haben. Ihren Reiz gewinnt die Ausstellung dabei aus eben jenem Mehrwert, den Thüringen besonders eindrucksvoll bieten kann: die Verbindung von historischen Objekten und Landschaften, musealen Ausstellungsstücken und den historischen Protagonisten.

Die Ausstellung präsentiert rund 500 Schauobjekte aus Museen, Archiven, öffentlichen und privaten Sammlungen aus allen Regionen Thüringens, die so nicht wieder zusammen zu sehen sein werden. Gezeigt wird der Wandel von Arbeitswelt, Lebenswelt und Umwelt: Bodenschätze und Werksstoffe, Industriezentren in Thüringen, Verkehrswelten und Kommunikationsnetze, Finanzen, Reklame, Innovationen, Energie.
Ein umfangreiches museumspädagogisches Angebot führt die Besucher in die Ausstellung ein. Eine besondere Audioführung für Kinder sowie Mitmachstationen zielen insbesondere auf die jüngeren Besucher. Multimedia-Angebote in der Ausstellung sowie die digitale Ausstellung im Internet mit zusätzlichen Informationsangeboten eröffnen einen erweiterten inhaltlichen Zugang zum Ausstellungsthema.

Gezieltere Einblicke in die Ausstellung ermöglichen die besonderen Zusatzformate: So werden etwa im Industriecafé Einzelobjekte mit einer besonderen Geschichte gezielt vorgestellt und in den Kontext der gesamten Schau eingeordnet. Die «Frühschicht» ist als Schauvorführung konzipiert, bei der ausgewählte Objekte einem größeren Publikum vorgeführt werden - die «Spätschicht» besteht hingegen aus abendlichen Fachvorträgen über ausgewählte Forschungsthemen.  Ferner lädt die „Pößnecker Industrieroute“ den Ausstellungsbesucher zu einem Stadtrundgang entlang einer Vielzahl örtlicher Bauwerke aus der Industrialisierungszeit ein.

Darüber hinaus bietet die Leitausstellung verschiedene Begleitprogramme, die einfache Übergänge zwischen U- und E-Kultur schaffen wie der „Lost-Places-Challenge“, ein Wettbewerb für professionelle und halbprofessionelle Fotografen, die sich z.B. mit aufgelassenen Produktionsstätten früherer Zeiten befassen, oder ein „Steampunk-Event“ und Oldtimer-Schauen im Umfeld der Ausstellungshalle.


Eröffnung und Fachtagung: Raum für Austausch und Vertiefung

Während die zentrale Ausstellung in Pößneck vor allem die Industriekultur in den Mittelpunkt stellt, will die Eröffnungsveranstaltung die Gelegenheit schaffen, um Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft bei Podiumsdiskussionen ins Gespräch zu bringen - über die Bedeutung der Industriekultur für die Entwicklung Thüringens ebenso wie die Frage nach dem woher und wohin.    
Liegt der Fokus beim Eröffnungssymposium daher eher auf der Synthese aktueller und historischer Blickwinkel, verfolgt die Fachtagung ein dezidiert wissenschaftliches Ziel: Die bisherigen spärlichen Informationen und Interpretationen zur Industrialisierung  und den sozialen Bewegungen in Thüringen zu sammeln und Fragen für zukünftige Forschungsansätze zu generieren. Vom 7. bis zum 9. Juni 2018 werden dazu zahlreiche namhafte Historiker und Historikerinnen aus ganz Deutschland das bisher nur lückenhaft beleuchtete Forschungsfeld in den Blick nehmen. Es ist zu erwarten,  dass sich infolge der Tagung nicht nur unser Verständnis von der Geschichte Thüringens im 19. und 20. Jahrhundert erweitern wird – es geht letztlich auch um das Schließen einer Lücke in der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
Schließlich widmet sich die Abschlusskonferenz des Themenjahres am 2. November 2018 im Gothaer Tivoli drei anstehenden Jubiläen, die eng mit der Thüringer Landesgeschichte verbunden sind: dem 100sten Jahrestag der Novemberrevolution 1918, der Bauhausgründung 1919 und der Gründung des Landes Thüringen 1920.


Vom 6. Juni bis zum 9. September 2018 lädt die Leitausstellung „Erlebnis Industriekultur – Innovatives Thüringen seit 1800“ zum Besuch in Pößneck ein. Mehr als fünfhundert Schauobjekte präsentiert in sieben Themenschwerpunkten spiegeln erstmals zusammenhängend den aktuellen Stand der Geschichtsforschung.

Zur Seite

Zitat Karl Semmler, 1928

"Die Karte Thüringens glich einer Malerpalette, in fünf Stunden konnte man sechs 'Vaterländer' durchwandern, in jedem großen Ort residierte ein 'Zaunkönig', der ängstlich darüber wachte, dass keine Fabrikschornsteine seine Residenz verrußten, das seine Wildsauen in den Thüringer Wäldern von keiner Eisenbahn in ihrer Ruhe gestört wurden. <...> Fast alle ,Hauptstädtchen' waren echte und rechte Spießernester, ohne Industrie, mit nur wenigen Handwerkern und einer große Anzahl von Beamten. Die Thüringer Bevölkerung ernährte sich von der Landwirtschaft, nur auf dem Thüringer Wald war die Hausindustrie eingebürgert: Spielwaren, Holzwaren, Glasbläserei."

Das Bild, das der sozialdemokratische Redakteur Karl Semmler 1928 im Rückblick auf die Thüringer Wirtschaftsstruktur entwirft, zeichnet ein ernüchterndes Bild der Industriekultur in der Region. Tatsächlich gehörten um 1900 die heutigen Thüringer Landesteile zu den am stärksten industrialisierten Gegenden Deutschlands.

Logo: 5 Tage schlauer