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Historische Engelsburg Erfurt

Historische Engelsburg Erfurt (Quelle: Chrstin Werner )

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Die Engelsburg – Studentenzentrum mit Tradition

In der 9. Klasse, als wir im Englischunterricht über Sehenswürdigkeiten in Erfurt sprechen sollten, hielt ich einen Vortrag über die Engelsburg. »Elendsburg« wurde das damalige Hospital im 12. Jahrhundert genannt. Später diente es als Treffpunkt für die Humanisten und aus der Elendsburg wurde die Engelsburg - heute Oberbegriff für verschiedene Freizeitstätten in Erfurt. Kern ist das Steinhaus, das zu den ältesten erhaltenen Gebäuden der Stadt zählt. Unzählige Geburtstage habe ich nach Weihnachten in dem urigen Restaurant gefeiert – im Winter einer der gemütlichsten Orte Erfurts. Und im Sommer verkroch ich mich gerne in den geschützten Biergarten. Kurzfilmfestivals, Open-Air-Kinoabende und Theatervorstellungen gab es hier und immer viele Leute. Manchmal blieb ich sitzen bis es dunkel wurde und tanzte die Nacht im Gewölbekeller durch, an anderen Tagen besuchte ich Lesungen im Café »DuckDich« in der oberen Etage des Steinhauses.

Seit fast 50 Jahren ist die Engelsburg Ort für studentische und kulturelle Begegnung. Doch die Verbindung zu den Studenten begann bereits im Jahr 1515, als die Humanisten hier teilweise die als »Dunkelmännerbriefe« bekannten ironischen Schriftstücke über die Scholastik verfassten. In engem Kontakt zu den Humanisten stand auch Martin Luther. Um 1537 kehrte er, auf seinem Weg von Schmalkalden nach Wittenberg, noch einmal in die Engelsburg ein, um sich von seinem Freund Georg Sturtz, einem der reichsten Bürger Erfurts und von 1516 bis 1526 Rektor der Universität, in der Engelsburg medizinisch betreuen zu lassen.

Im Herbst 2016 wurde die Tradition unterbrochen und es hat ein Besitzerwechsel stattgefunden – eine kleine Revolution für die Erfurterinnen und Erfurter. Große Proteste und eine Petition im Internet begleiteten die Ausschreibung und Neuvergabe der historischen Studentenstätte. Inzwischen wird sie von Ben Gutt betrieben, der sich bereits mit einer Musikagentur in Erfurt einen Namen gemacht hat – ein Studentenzentrum mit Musik, Literatur, Film und Kleinkunst wird die Engelsburg aber weiterhin bleiben.

Panoramamuseum Bad Frankenhausen

Panoramamuseum Bad Frankenhausen (Quelle: ZK MEDIEN (c) VG Bild-Kunst Bonn 2016 / Wandbild: Werner Tübke )

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»Ah« und »Oh« vor Tübkes Weltbild im Panorama Museum

von Gastautorin Silke Krage

Silke Krage ist Leiterin für Museumsmanagement/Fachwissenschaft des Panorama Museums in Bad Frankenhausen. Sie begleitet die Entwicklung des Museums seit über 27 Jahren:

Für mich ist immer noch die oberste Stufe der Treppe im Bildsaal der Ort im Museum, an dem sich etwas ereignet, das nur schwer in Worte zu fassen ist. So erging es mir bei meinem ersten Besuch und so ergeht es fast allen Besuchern des Museums.

Im Bildsaal befindet sich das monumentale Werk, man kann fast sagen: das »Weltbild« des Künstlers Werner Tübke, das er im Auftrag der Regierung der damaligen DDR von 1983 bis 1987 auf 1.722 Quadratmetern auf die Leinwand des Bildsaals malte. »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland« – so lautet der Titel für das Bild. Das führt in die Irre. Eine frühbürgerliche Revolution gab es in diesem Sinne nicht. Geschichtlich nimmt das Bild Bezug auf die Bauernaufstände im 16. Jahrhundert zur Zeit der Reformation. Es ist aber kein reines Geschichtsbild. Werner Tübke stellte schon bei der Annahme des Auftrags klar, dass seine Arbeit über die rein historische Darstellung hinaus gehen würde. Und so sieht man heute über 3.000 Figuren und 75 Symbole in archetypischen Szenen der Menschheit, also tatsächlich ein »Weltbild«. Der Betrachter taucht förmlich ein in die Szenerie, wird selbst ein Teil des Bildes. Jede der knapp einstündigen Führungen durch den Bildsaal ist deshalb anders.

Der politisch intendierte Auftrag an Tübke, den Bauernaufstand rund um Thomas Müntzer im Mai 1525 in eine Bildsprache zu fassen, hatte in den 1980er Jahren eine enorme Bedeutung: Die Fertigstellung wurde deshalb mit einem Staatsakt am 14.09.1989 gefeiert. Man war erleichtert, dass es zum 40. Jahrestag der DDR fertig geworden war. Weiter hatte man nicht gedacht und die DDR ist heute selbst Geschichte. Es gab kein Konzept und keine Infrastruktur für ein Museum. Das haben wir nachgeholt. Seit 1992 präsentieren wir neben dem Herzstück des Museums, dem Panoramagemälde, wechselnde Ausstellungen figurativ-realistischer Kunst metaphorischer Prägung. Diese widmen wir Künstlerinnen und Künstlern, die in Deutschland meist noch keine Personalausstellungen hatten. Das zeichnet uns aus und hat uns überregional bekannt gemacht.

Das Museum befindet sich in keiner großen Stadt – man muss sich zu uns auf eine Reise begeben, um auf der obersten Stufe der Treppe im Bildsaal zu erstarren und zusammen mit anderen Besuchern »A« und »O« auszurufen.

Universität Jena - Collegium Jenense

Universität Jena - Collegium Jenense (Quelle: Ramón Seliger )

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Refugium und Hort der Bildung – der Innenhof des Collegium Jenense

von Gastautor Ramón Seliger

Als Mitarbeiter der Universität Jena kennt Ramón Seliger die versteckten Ecken in den Hinterhöfen der Universitätsgebäude:

Am Fuße des Jentower mitten in der quirrligen Stadt: Glasfassaden und Beton bestimmen das Stadtbild in diesem Teil von Jena. Bis man durch den Torbogen in der Kollegiengasse Nr. 10 läuft. Steintafeln hängen an den Wänden im Durchgang der alten Klosteranlage. Vor dem Besucher eröffnet sich ein ganz anderes Bild der Stadt. Blumenpolster hängen üppig aus massiven Steintrögen, Säulen und Wände sind mit Efeu berankt. In der Mitte plätschert ein Springbrunnen vor einem mächtigen und farbenprächtigen Wappen an der gegenüberliegenden Hauswand. Für mich ist der versteckte Innenhof des Collegium Jenense ein Refugium im Herzen der sonst so geschäftigen Stadt. Hier ist es still, ab und zu läuft jemand durch den Innenhof, manchmal sitzt jemand auf einer der Bänke.

Das große Wappen ist das der Ernestiner und gibt einen Hinweis auf die Bedeutung dieses Ortes: Hier liegt der Ursprung der Universität Jena. Kurz nachdem die Ernestiner von Kaiser Karl V. entmachtet und der Kurfürstenwürde beraubt worden waren und somit auch ihre bisherige Ausbildungsstätte, die Universität zu Wittenberg hergeben mussten, gründeten die Söhne des ehemaligen Kurfürsten 1548 hier eine »Höhere Landesschule« mit Namen Collegium Jenense. 1557 erhielt die Einrichtung die Rechte einer Universität. Nach ihrer Vertreibung aus Torgau hatten die Ernestiner ihre Residenz in Weimar, in der Nachbarstadt Jena sorgten sie für den weiteren Ausbau der Bildung.

Die Gründung der Universität erfolgte nicht ohne Hintergedanken und Weitsicht: Mit der Ausbildung von Theologen nach dem protestantischen Augsburger Bekenntnis sollte die Reformation weiter gefestigt werden. Im 17. Jahrhundert galt die Universität Jena als Ort der protestantischen Orthodoxie – die »harte Lesart« der Lehren Luthers unter Professor Matthias Flacius. Später wurde die Universität ein Ort der Aufklärung und machte einen liberalen Schwenk. Hegel und Fichte sind nur zwei Namen bedeutender Professoren.

Heute ist die Universität die größte Hochschule und die einzige Volluniversität in Thüringen. Die Gebäude des Collegium Jenense beherbergen Teile der medizinischen Fakultät. Von den über 25.000 Studierenden und Mitarbeitern der Universität ist in diesem Innenhof nicht viel zu spüren. Das studentische Leben findet außerhalb des Torbogens statt.

Gradierwerk Bad Salzungen

Gradierwerk Bad Salzungen (Quelle: Quelle: Nadine Förster)

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Das Gradierwerk in Bad Salzungen - natürliche Heilung aus den Tiefen der Erde

Ein salziger Geschmack liegt in der Luft. Für einen Moment fühle ich mich wie am Meer, dabei ist das nächste mindestens eine Tagesreise entfernt. Stattdessen stehe ich hier, von Kopf bis Fuß in einen weißen Mantel eingehüllt und warte mit frecher Zipfelmütze darauf, endlich in die Wandelgänge des Gradierwerks Bad Salzungen eintreten zu dürfen. Ich möchte mir und meinem Körper heute mal etwas ganz Besonderes gönnen.

Das verspricht zumindest die Natursole, die mich umgibt. Aus großer Höhe rieselt sie über Schwarzdorn Reisig herab, zerstäubt dabei an den Reisigspitzen, so dass die Umgebungsluft die gelösten Salzpartikel aufnehmen kann. Der dabei entstandene Nebel legt sich als feiner Solefilm auf Haut und Lunge. Atembefreiend, entzündungshemmend und mineralisierend - die Wirkungsweise dieser feucht-salzigen Luft ist längst bekannt. Ihre Inhalation soll das Immunsystem stärken, die Gesundheit und Leistungskraft verbessern sowie Erkrankungen der Atmungsorgane und Haut lindern. Selbst bei Heuschnupfen soll sie helfen. Ich bin gespannt, was mich erwartet.

Gradieren hat bereits eine lange Tradition in Bad Salzungen und so mutet auch alles rustikal-romantisch an: Als ich durch die knarrende Schwingtür das hölzerne Konstrukt betrete, fühle ich mich wie ein Kurgast aus dem vorletzten Jahrhundert. Aus dieser Zeit stammt auch die sogenannte Westwand. Ihr Gegenstück, die Ostwand, wurde sogar schon in den Jahren 1796/1797 errichtet.

Etwas Geheimnisvolles hingegen hat der Brunnen, zu dem es mich besonders hinzieht. Dicht umnebelt und durch das einfallende Licht wirken die anderen weißen Zipfelmützengestalten magisch umhüllt. An dieser Stelle wird die Sole nur grob zerstäubt und hat eine Stärke von sechs Prozent - eine von vielen Inhalationsmöglichkeiten im Gradierwerk, das noch jede Menge weiterer Konzentrationen und Tröpfchengrößen für seine Besucher bereit hält. Darunter beispielsweise auch die stärkste Sole mit ganzen 27 Prozent. Weil Wasser nicht mehr Salz aufnehmen kann, wird sie dabei als gesättigt bezeichnet.

Als ich das Gradierwerk verlasse, bin ich nicht nur total begeistert, sondern fühle mich wie von einer frischen Meeresbrise durchgepustet, rundum frisch und auf wundersame Weise tiefenentspannt.

Erlebnisbergwerk Merkers

Erlebnisbergwerk Merkers (Quelle: ScottyScout)

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Salz und Gold im Erlebnisbergwerk Merkers

Der Kinofilm »The Monuments Men« erzählt die große Geschichte vom kleinen Merkers als Coup der Amerikaner kurz vor dem alliierten Sieg über Deutschland 1945. Als Held verkörpert ein charmanter George Clooney den Retter der von den Nazis geraubten Kunstschätze und 80% der Goldreserven der Reichsbank.

Wir besteigen den Förderkorb, der uns in 90 Sekunden an unser Ziel tief im Salzbergwerk bringt. Dicht gedrängt stehen die Ausflügler, ängstlich flüsternd und neugierig blickend, behelmt und erwartungsfroh. Unten angekommen – es ist warm und trocken – steigen wir auf Oben-Ohne-LKW, die uns in eine fremde und dunkle Weite fahren. Wir vergessen schnell, dass wir die nächsten drei Stunden hier verbringen werden. Wir lernen, »Tiefe« ist nicht gleich »Teufe«  und diese beträgt hier 500 Meter. Nicht vom Meeresspiegel aus wird bei der »Teufe« gemessen, sondern bis zur Erdoberfläche.

Die rasante Fahrt geht über 20 Kilometer, insgesamt sind es im Bergwerk 4600. Seit 120 Jahren wird hier Kalisalz für Düngemittel mithilfe von Bohrtechnik und Sprengungen abgebaut. Das Salz verdankt die Region einem urzeitlichen Meer, das hier teils 150 Meter mächtige Salzschichten zurückließ. Bei der Ausbeutung kann nur ein Viertel davon abgebaut werden, weil die Stollen sonst einstürzen würden.

Immer wieder hält die LKW-Kolonne, ein riesiger Raum tut sich auf. Bunt beleuchtet, beeindruckend zeigt sich hier die unterirdische »Konzerthalle«, die früher ein Bunker für die Lagerung des Salzes war und wo der größte untertägige Schaufelradbagger der Welt steht. So ganz sicher scheint sich der Grubenbetreiber K+S seiner größten Attraktionen allerdings nicht zu sein: der Grube und dem Salzabbau. Der Besucher bekommt auf der Untertage-Tour eine Lasershow nebst Besuch der »Kristallgrotte« geboten und pausiert an der »Kristall-Bar«, bevor ihn die Vorführung einer Schausprengung zum Thema Salzabbau zurückbringt. Und dann geht es doch um die Nazis: Im »Goldraum« sehen wir eine kurze TV-Doku und die echten »Monuments Men«. Ein kleines historisches Museum liegt gleich nebenan. Zahlreiches technisches Gerät in einer Ausstellung und der Vortrag unseres Guides zur Geschichte des Kalibergbaus lassen uns verstehen, wie hier gearbeitet wurde und wird.

Auf dem Rückweg geht es nun heiter im Förderkorb zu. Lau weht der Fahrtwind und leise surrt die Winde. Wir nehmen den Weg zurück ans Tageslicht.

Topf & Söhne Erfurt

Topf & Söhne Erfurt (Quelle: ScottyScout)

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Die Ofenbauer von Auschwitz

Interview mit Karl Meyerbeer, Hausbesetzer, Erfurt.

Wie kam es 2001 zur Besetzung des ehemaligen Geländes der Firma Topf & Söhne?
Mitte der 1990er Jahre gab es in Erfurt Leute von der Uni, aus Gewerkschaften und der PDS, die deutlich machten, dass es diese Industriebrache gibt, wo früher die Öfen für die Konzentrations- und Vernichtungslager hergestellt wurden. Die Leichenberge konnten nur mithilfe der Öfen verschwinden. Vor 15 Jahren war das ein Tabu. Der Oberbürgermeister sagte: »Wo kämen wir denn da hin, wenn wir eine Gedenkstätte wegen der Öfen gründen, dann müssen wir auch eine haben, wo Limonade und Brötchen für Buchenwald produziert wurden.« Weil es 2001 schon Jahre kein autonomes Zentrum mehr gab, kam die Idee auf, das Topf & Söhne-Gelände zu besetzen. Auf dem Plenum am Vorabend der Besetzung stritten wir darüber, ob man an einem Täterort millionenfachen Mordes ein Kulturzentrum gründen darf. Wir entschieden uns dafür, aber unter Vorbehalt. Wir sollten niemals vergessen, wofür der Ort steht, verbunden mit dem Auftrag, selbst am Thema zu arbeiten.

Heute sind hier Garten-, Möbelmarkt, Parkplatz und noch das Verwaltungsgebäude von Topf & Söhne. Was habt ihr damals hier vorgefunden und wie ging es weiter?
Alles stand seit Schließung des Mälzerei- und Speicherbau leer und verfiel. Als wir reingingen gab es auch die Zwangsarbeiterbaracken noch und Industriehallen voller Müll. In der oberen Etage standen die Zeichentische, die auch heute im Erinnerungsort zu sehen sind. Die alte Schlosserei war intakt, wo wir dann gleich neue Fenster einsetzten. So entstand Platz zum Wohnen und für Projekte – das Veranstaltungszentrum, ein Kino und auch die Technoszene nahm sich eine Halle. Aus unserer Selbstverpflichtung heraus gründete sich die Geschichts-AG, die Besucher-Rundgänge anbot. So wurden das Gelände und seine Geschichte viel bekannter und blieb in der Diskussion darüber, dass hier etwas passieren muss. 2005 kam es auch zu einem Umdenken bei der Stadt, nachdem eine Ausstellung zu Topf & Söhne im Jüdischen Museum Berlin zu sehen war.

2009 war Schluss für euch. Die Gebäude wurden abgerissen und es kam der Erinnerungsort. Was war passiert?
Der uns wohlgesonnene Insolvenzverwalter war weg, das Gelände wurde verkauft. Noch in der Nacht der Räumung durch die Polizei wurde alles platt gemacht. 2011 wurde im damals nicht besetzten Verwaltungsgebäude der Erinnerungsort eröffnet.

Deutsches Versicherungsmuseum Gotha

Deutsches Versicherungsmuseum Gotha (Quelle: Horst Gröner )

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Nur ein Stück Papier – das Deutsche Versicherungsmuseum in Gotha

von Gastautor Horst Gröner

Schon 1537 gab es die Brandgilde in Süderau in Schleswig-Holstein, eine regionale Brandversicherung. Die älteste heute noch bei uns existierende Versicherung ist die Hamburger Feuerkasse, gegründet 1676. Überregional waren im Deutschen Reich lange nur französische und englische Gesellschaften aktiv.

Seine Lagerhallen hatte der Gothaer Kaufmann Ernst Wilhelm Arnoldi in England versichert. Als nach einem Brandschaden von dort nur wenig Geld zurück kam, hatte er es satt! Er gründete 1820 mit Kaufleuten aus vier deutschen Staaten seine eigene Feuerversicherung, die dann landesweit tätig wurde.

Der Versicherungsschein, den Arnoldi an seine Kunden ausgab, machte die Versicherten gleichzeitig zu Anteilseignern an der »Versicherungsbank des Deutschen Handelsstandes«. Der Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit war geboren. Durch geschickte Informationspolitik schaffte es Arnoldi, seine Versicherung im gesamten Deutschen Reich zu verkaufen, über die zahlreichen Zollgrenzen hinweg.

Davon zeugen die Versicherungsverträge, die in meinem Lieblingsbuch, dem Journal der Feuerversicherungsbank, fein säuberlich abgelegt sind. Zeile für Zeile erzählen sie vom Erfolg dieser Versicherungsgesellschaft. Die Versicherten zwischen Konstanz und Berlin machten ab Januar 1821 diese Versicherungsgesellschaft groß. 1827 wagte sich Arnoldi mit seiner Lebensversicherungsbank in Gotha auf ein bis dahin unbekanntes Gebiet in Deutschland. Auch dadurch gilt er in unserem Land als Vater des modernen Versicherungswesens.

Wenn ich Besucher im ehemaligen Direktionsgebäude der Gothaer Lebensversicherungsbank durch die Ausstellung führe, dann sind sie beeindruckt vom früheren Arbeitszimmer des Generaldirektors und dem Sitzungszimmer. Beides sind im Original erhaltene repräsentative Räume aus der Zeit um 1893/1894. Seltene Dokumente und vielleicht auch »seltsame« Objekte zeigen hier, wie sich die moderne Versicherungswirtschaft entwickelt hat. Die Sammlung von Spar-Uhren – Geschenke von Versicherungsgesellschaften zum Beispiel: Sie sollten Kunden anregen, regelmäßig eine Münze in einen Schlitz an der Uhr einzuwerfen. Damit die Uhr weiterlief, musste sie aufgezogen werden, wofür man erneut eine Münze opfern musste. Am Monatsende öffnete der Versicherungsvertreter den Geldschacht und entnahm das Geld. Eine gelungene Idee, um zum Ansparen der Prämie für eine Lebensversicherung zu motivieren!

Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn

Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn (Quelle: Thomas Albrecht)

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Im Aufsetzwagen Huckepack – die Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn

von Gastautorin Astrid Apel

Astrid Apel 
ist Marketingfrau bei der Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn:

Die Orte auf den Höhenzügen am Rande des Schwarzatals hatten es selbst nach Eröffnung der Schwarzatalbahn im Jahr 1900 nicht immer leicht. Die Bewohner mussten im Winter weiterhin ihre Materialien für die Glas- und Porzellanproduktion zu Fuß vom Tal auf den Berg transportieren: 1,4 Kilometer bei 25% Steigung. Auch beim Einsatz von Pferdefuhrwerken war dies eine kräftezehrende Arbeit. Eine Straßenverbindung oder eine normale Bahnstrecke zu bauen war damals noch unmöglich, Entwürfe für eine Zahnradbahn erwiesen sich als technisch nicht umsetzbar oder zu teuer.

Der Eisenbahningenieur Bäseler hatte schließlich die geniale Idee: eine Standseilbahn mit zwei verschiedenartigen Wagen. Ein keilförmiger Transportwagen für Güter und ein stufenförmiger Personenwagen sollten sich in der Mitte einer Strecke kreuzen. Das war die Geburtsstunde der Oberweißbacher Bergbahn, der steilsten Standseilbahn der Welt zum Transport normalspuriger Eisenbahnwagen, die hier Huckepack fahren. Sie wurde 1923 feierlich eröffnet. Schwere Materialien konnten jetzt problemlos hinauf- und fertige Waren hinabtransportiert werden. Durch den Bau der Flachstrecke wurden zudem die Bergorte ans Eisenbahnnetz angeschlossen.

Erst als die Planung einer Straße Jahrzehnte später umgesetzt wurde, stellte man den Güterverkehr 1966 auf der Bergbahn ein und erklärte sie 1980 zum »Denkmal der Produktions- und Verkehrsgeschichte«. Es blieb der Personenverkehr.

Traurige und gespannte Gesichter gab es 2001 bei der vorerst letzten Fahrt. Nicht wenige Einheimische und Mitarbeiter fuhren noch einmal mit ihrer Bahn, erinnert sich Ingo Schneider, Werkmeister und stellvertretender Betriebsleiter. Die Stilllegung war aber nicht für immer. Vielmehr sollte eine grundlegende Sanierung stattfinden, um den heutigen Stand der Technik zu erreichen. Die allgemeine Skepsis war groß.

Umso größer war die Freude bei der Wiederinbetriebnahme nur ein Jahr später. Ingo Schneider berichtet: »Um einen neuen Namen für die Bergbahn zu finden, gab es eine öffentliche Ausschreibung. Unter den vielen Einsendungen war es der Vorschlag von Bäckermeister Ewald Matz aus Oberweißbach mit »Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn«, für welchen sich am Ende entschieden wurde«. So lassen sich heute wieder genau wie vor 100 Jahren die 323 Höhenmeter entspannt überwinden.

Glockengiesserei Apolda

Glockengiesserei Apolda (Quelle: Viola-Bianca Kießling )

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Glocken-Glocken-Glocken – Glockenguss in Apolda

An Feiertagen, zum Gottesdienst, als Stundenschlag – Glocken sind Teil unseres täglichen Lebens. Ihr Klang ist einfach wunderbar und irgendwann fragte ich mich, ob solche Instrumente wohl auch im Weimarer Land gegossen wurden?

Die Stadt Apolda führt in ihrem Namen den Zusatz »Glockengießerstadt«. Also sollte hier der richtige Ort sein, um meiner Frage nachzuspüren. In der Bernhardstraße 43 rufen die Lettern »Glockengießerei« über der Toreinfahrt förmlich »Herein«. Im Eingang finde ich eine Glockenrippe. Beim Glockenguss wird mittels dieser um die senkrechte Achse der Glocke rotierenden Schablone die Gussform hergestellt. Die Glockenrippe ist das Heiligtum der Glockengießer – ihr Geheimwerkzeug, wie ich mir später sagen lasse. Im Hof finde ich eine kleine Glocke auf dem Boden stehend und eine eher schmucklose an der Giebelwand. Eine Glockengießerei habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Nirgends sind Gerätschaften zum Glockenguss, dafür aber Druckmaschinen der Druckerei Kühn.

Im GlockenStadtMuseum in der Bahnhofstraße werde ich fündig. Hier kann die Glockengießertradition von Apolda erkundet werden und es gibt vieles zur Geschichte der Glocke zu erfahren. Rose, Ullrich und Schilling hießen die Gießer, die seit 1722 in Apolda Glocken gegossen haben. Ende der 1980er Jahre endete hier diese Tradition. Im Turm der Apoldaer Lutherkirche sind Glocken aller drei Gießer vereinigt. Auf einem Foto sehe ich, wie die Toreinfahrt der heutigen Druckerei Kühn die Buchenwaldglocke in die Welt entließ. Diese dunkle Glocke tönt noch heute vom Glockenturm der KZ-Gedenkstätte auf dem Ettersberg. Der größten freischwingen Glocke in Deutschland, dem Dicken Pitter von Köln, begegne ich in der Erfurter Straße. Auch sie stammt aus Apolda. Es ist zwar eine Replik, aber die Größe ist gleichwohl beeindruckend.

Nun weckt am Stadthaus der Klang mehrerer Glocken meine Aufmerksamkeit. Hier klingt ein Teil des großen Glockenspiels, das 1989 von Peter Schilling für Apolda, aber nicht mehr in Apolda, gegossen wurde. Die Glocken haben heute einen Glockenspieler, der die Melodien per Mischpult steuert. In der Lutherkirche begegne ich den großen Glocken, dem anderen Teil des großen Glockenspiels. Sie stehen wie Klangschalen verkehrt herum und werden mit einem Hammer angeschlagen. Eine leichte Melodie könnte ich ja versuchen – und schon bin ich Glockenspielerin.

Friedrich-Fröbel-Museum Bad Blankenburg

Friedrich-Fröbel-Museum Bad Blankenburg (Quelle: Friedrich-Fröbel-Museum)

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Bildung für Alle - spielen um zu lernen

von Gastautorin Margitta Rockstein

Die Pädagogin ist seit 35 Jahren Leiterin des Friedrich-Fröbel-Museums in Bad Blankenburg:

Im »Haus über dem Keller« in Bad Blankenburg schlug die Geburtsstunde des Kindergartens. Dort begann Friedrich Wilhelm August Fröbel 1839 sein Programm zur frühkindlichen Bildung und Erziehung zu praktizieren. Hier befindet sich heute das Friedrich-Fröbel-Museum – ein Bildungs- und Begegnungsort für Kinder und Erwachsene – in dem wir nicht nur über das Leben des Pädagogen informieren.

Doch wer war Friedrich Fröbel? 1782 in Oberweißbach geboren, gründete er nach einem naturwissenschaftlichen Studium und ersten Lehrertätigkeiten 1816 eine erste Erziehungsanstalt im Thüringer Wald. 1826 veröffentlicht Fröbel sein literarisches Hauptwerk »Die Menscherziehung«. Zum besonderen Verdienst von Fröbel gehört, dass er die Bedeutung der Kindheit als eigenständige Entwicklungsphase im menschlichen Leben erkannte. Für ihn war »das Spiel« die kindgerechte Form, sich Wissen über sich selbst und die Welt anzueignen. Mit dem Kindergarten schuf er eine Institution, in der sein Erziehungsansatz auch für den Nachwuchs der ärmeren Bevölkerungsgruppen umzusetzen war.

Fröbel entwickelte Spielmittel, die ein Kind zum Experimentieren herausfordern, dessen Phantasie anregen und seine soziale Interaktion fördern sollten. Am bekanntesten wurden die in aller Welt berühmten »Spielgaben« Kugel, Walze und Würfel. Später konzipierten in Rudolstadt, auf Basis dieser Formen, Fröbel-Schüler die Ankersteine und vermarkteten sie erfolgreich als Spielzeug.

Doch die neuen Ideen zur Kleinkinderziehung wurden nicht überall geteilt. Die Fröbelschen Kindergärten wurden 1851 in Preußen sogar verboten. Mich beeindruckt, dass sich Friedrich Fröbel davon nicht beirren ließ. Ab 1842 bildete er Frauen zu Kindergärtnerinnen aus, ab 1850 sogar in einer Schule in Marienthal bei Bad Liebenstein. Mit der Schaffung eines originär weiblichen Berufes trug der Pädagoge wesentlich zur Emanzipation der Frau im 19. Jahrhundert bei. Seine Schülerinnen trugen das neue Konzept zur Kinderbetreuung in die Welt hinaus. Fröbels Wortschöpfung »Kindergarten« ist vermutlich eines der deutschsprachigen Worte, das in die meisten Sprachen der Welt unverändert übernommen wurde. So kündet es noch heute von seinem Ursprung in Thüringen.

Jugendbewegung "Wandervögel" Leuchtenburg Kahla

Jugendbewegung "Wandervögel" Leuchtenburg Kahla (Quelle: Julius Gross / Archiv Deutsche Jugendbewegung und Stiftung Leuchtenburg )

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Wandervögel auf der Leuchtenburg

von Gastautorin Dr. Ulrike Kaiser

Ulrike Kaiser leitet das Museum und die Stiftung auf der Leuchtenburg:

Gefühle von Freiheit und unstillbar freudiger Lebenslust dominierten die deutsche Jugend- und Wandervogelbewegung seit 1913. Als Ausbruch aus den Zwängen der vom Kaiserreich dominierten Elterngeneration besannen sich die jungen Menschen auf ursprüngliche und einfache Lebensideale, alte Volkslieder und -tänze und setzten gleichsam neue modische Maßstäbe mit weiten Kleidern, Sandalen und Kniehosen. Geprägt von romantischen Vorstellungen entdeckten sie die Mittelalter- und Burgenromantik für sich. So wurde auch die Leuchtenburg oberhalb Kahlas von tausenden Wanderfreudigen erobert.

1920 entstand hier die erste Jugendherberge Thüringens. Groteskerweise war der neue Ort der jugendlichen Freiheit das alte Torgebäude, welches noch wenige Jahrzehnte zuvor als Kaserne des Leuchtenburger Zuchthauses genutzt wurde. Einer der ersten Gäste war der charismatische Muck Lamberty mit 25 Anhängern seiner »Neuen Schar«. 1921 bezog er auf der Leuchtenburg Winterquartier, nachdem er vorher singend und die »Revolution der Seele« predigend durchs Land gezogen war und eine wahre Tanzeuphorie ausgelöst hatte. Der selbsternannte Messias und seine Anhänger erregten bald Anstoß wegen unsittlichen Verhaltens, denn einige Mädchen seiner Schar bekamen nahezu zeitgleich Kinder von ihm.

Heute können die Gäste auf der Leuchtenburg eine spannende Zeitreise vom Mittelalter bis in die Moderne erleben. Preisgekrönte Ausstellungen und wagemutige Architektur fügen sich gekonnt in die alten Burgmauern ein. Ein wunderbarer Panoramablick vom 400 Meter hohen Lichtenberg aus begeisterte nicht nur ehemals die Wandervögel. Die Leuchtenburg ist damals wie heute in ihrer idyllischen Höhenlage oberhalb des Saaletals ein Anziehungspunkt. An die Zeit der Wandervögel erinnert eine Ausstellung mit großformatigen Fotografien, die entlang des Panoramaweges zu entdecken sind. Gäste können dabei in die naturverliebte Idylle dieser bewegten Jahre eintauchen und dem einen oder anderen wird ein Lächeln entlockt beim Betrachten der im »Adamskostüm« vor der Burg in Morgengymnastik versenkten Jugendlichen.

Seit kurzem bereichern die »Porzellanwelten« und eine Porzellankirche modern die Burganlage – hier können die Besucher sich unter anderem auf den 20 Meter langen Steg der Wünsche wagen, um selbst beschriebenes Wunschporzellan in der Tiefe zerschellen zu lassen.

Kunst- und Senfmühle Kleinhettstedt

Kunst- und Senfmühle Kleinhettstedt (Quelle: Ulf Morgenroth )

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Eine Familienangelegenheit - Kunst- und Senfmühle Kleinhettstedt

von Gastautor Ulf Morgenroth

Ulf Morgenroth aus Kleinhettstedt im Ilmtal ist Müller in neunter Generation:

Es wirkt, als hätte jeder Winkel des imposanten Mühlenkomplexes in Kleinhettstedt eine eigene Geschichte zu erzählen. Mauerreste weisen darauf hin, dass die Wasserkraft der Ilm den Menschen hier schon im 13. Jahrhundert die Arbeit erleichterte. Seit nunmehr fast 300 Jahren, nämlich seit dem 15. Januar 1732, befindet sich die Mühle im Besitz unserer Familie, mittlerweile in der neunten Generation.

Die Mehlmüllerei war schon in früheren Zeiten kein leichtes Geschäft. Und damals wie heute musste man als Unternehmer flexibel sein. Über die Jahrhunderte wurden hier neben Getreide auch Senf und Öl gemahlen, Kleesamen gestampft und die Ilm trieb hier außerdem eine Schneide- und eine Gipsmühle an. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Wasserräder stillgelegt und fortan setzte erst Dampf, dann Diesel und schließlich ein Elektromotor die Mahlwerke in Bewegung. Der technische Fortschritt bot neue Möglichkeiten, meine Vorfahren konzentrierten sich nun wieder ganz auf das »Kerngeschäft« der Müllerei: Man produzierte hier täglich 65 Tonnen Mehl, als die Mühle 1972 enteignet und in einen VEB überführt wurde.

Nach der Wiedervereinigung bekamen wir nicht nur die Mühle zurück, sondern mit ihr auch die Altschulden des VEB. Die Familie war sich einig, dass man nicht verkaufen würde. Also baute die Treuhand »nur« die gut erhaltene Roggenmühle ab und für uns hieß es: die Ärmel hochkrempeln und in dem halb leeren Gebäude etwas Neues entstehen lassen. Für eine Standard-Mehlmühle war das Gebäude zu klein, für die Spezialisierung auf Nischenprodukte zu groß. Also wurden erst einmal Ferienwohnungen und ein Veranstaltungssaal gebaut und im alten Stall eine Gastwirtschaft eingerichtet.

Seit 1999 mahlt die alte Weizenmühle wieder, die Technik dafür wurde denkmalgerecht wieder hergestellt. Jedoch wird hier kein Getreide, sondern Senfsaat gemahlen. Besucher können die traditionelle Senfherstellung erleben, im Hofladen einkaufen, bei uns feiern und übernachten. Die Mühle ist – so wie einst – wieder zum Familienbetrieb mit verschiedenen Standbeinen geworden. Eine schöne Lebensaufgabe mit dem Ziel, das Unternehmen ohne Schulden und in gutem Zustand an die nächste Generation zu übergeben.

Ohratalsperre Luisenthal

Ohratalsperre Luisenthal (Quelle: Horst Gröner )

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Von der Ohratalsperre zum Stutzhäuser Brauereimuseum – eine Wanderung

von Gastautor Horst Gröner

In der Ortsmitte von Luisenthal direkt gegenüber der Herzog-Alfred-Gedächtniskirche führt die Hammerstraße nach rechts. Am Parkplatz »Zimmertal« direkt beim Forsthaus verläuft die gesperrte asphaltierte Straße bergan zur Dammkrone der 60 Meter hohen Talsperre. Der Wegweiser nennt dazu eine Strecke von zwei Kilometern. Die schnurgerade angelegte Dammkrone dort oben ist imposante 260 Meter lang. Über den Stausee hinweg bietet sich ein herrlicher Blick auf die das Wasser umkränzenden dicht begrünten Berge des Thüringer Waldes und das Tal. Ein Rundwanderweg erstreckt sich über 13 Kilometer um den Stausee. Vom Seeufer aus ergeben sich immer wieder herrliche Ausblicke auf das Trinkwasserreservoir, das 1967 in Betrieb genommen wurde.

Auf dem Rückweg nach Luisenthal biegt nach einigen Metern auf der befestigten Straße nach links ein weiterer Weg in den Wald ab. »Brauereimuseum 3 km« ist auf dem Schild verheißungsvoll zu lesen. Für mich wird der Weg zum wahren Vergnügen, denn stets auf gleicher Höhe verläuft der Pfad vorbei an moosigen Matten und sanften Waldpartien, und nach so viel Wasser zieht mich die gastliche Stätte geradezu an.

Wenn nach knapp einer Stunde unterhalb des Weges die ersten Häuser der Siedlung zu sehen sind, dann ist es Zeit, die Straße abwärts zu nehmen, bis man den Parkplatz an der Stutzhäuser Gaststätte erreicht. Der Ortsteil Stutzhaus erhielt seinen Namen nach einem Gebäude, in dem ein früheres Hohlmaß für Holzkohle, die »Stutze« aufbewahrt wurde. Die Köhler ließen hier bis ins 19. Jahrhundert ihre Holzkohle »zurecht­stutzen«, sprich messen und vergüten.

Auf den Grundmauern des Stutzhauses entstand 1892 die Brauerei Keil & Fasbender. 1952 wurde durch Vereinigung von Stutzhaus mit dem Nachbarort Schwarzwald die heutige Gemeinde Luisenthal gebildet. Ab 1972 firmierte die alte private Brauerei als Volkseigener Betrieb Brauerei Luisenthal. Nach der Einstellung des Brauereibetriebes im Jahr 1990 übernahm die Oettinger Gruppe 1991 mit der Brauerei Gotha auch den Betriebsteil in Luisenthal. Heute befindet sich hier das Gasthaus mit Brauerei­museum.

Mich fasziniert die erhalten gebliebene alte Brautechnik, die von den Mitarbeitern kenntnisreich und liebevoll erläutert wird. Selten ist in Deutschland der Herstellungsprozess des Gerstensaftes so anschaulich zu erleben.

Metallhandwerksmuseum Steinbach-Hallenberg

Metallhandwerksmuseum Steinbach-Hallenberg (Quelle: Horst Gröner )

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Der richtige Dreh führt zum Erfolg – Korkenzieher aus Steinbach-Hallenberg

von Gastautor Horst Gröner

Was nützt die beste Flasche Wein, wenn sie mit einem althergebrachten Korken verschlossen wurde und kein passendes Gerät zum Öffnen verfügbar ist? Doch für den wirklichen Genießer ist das kein Problem, er hat immer – so wie auch ich – einen funktionierenden Korkenzieher in der Tasche.

An der Hauptstraße gelegen, steht der um 1826 errichtete »Heimathof«, in dem 1996 ein besonderes Metallhandwerksmuseum eingerichtet wurde. In verschiedenen originell eingerichteten Gebäuden sind historische Werkstätten und Produkte des Kleineisengewerbes oder des Nagelschmiedehandwerks zu sehen und zu erleben.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden hier unter anderem Korkenzieher hergestellt. Bei ihnen gab es neben denjenigen, die nur mit Zugkraft den Korken aus der Flasche holten, auch Glockenkorkenzieher mit Drehmoment oder solche, die mit Hebelkraft arbeiten.

Der Korkenzieherproduktion ist in diesem Museum ein eigenes Haus gewidmet, das von seinem etwa 1000 Meter entfernten Originalstandort mittels ausgefeilter Transporttechnik komplett auf das Gelände des »Heimathofs« gebracht wurde. Ein Film in der Ausstellung zeigt, wie das vonstatten ging. Im Haus selbst sind die ursprünglichen Räume mit ihrem Charme rauchiger, hämmernder Atmosphäre erhalten und werden auch für Schmiedevorführungen genutzt. Ich kann dabei nicht sagen, was mir mehr imponiert: die Schmiede mit ihrer kohlebefeuerten Esse, oder der Maschinenraum mit den beeindruckenden Transmissionsbändern. Ich stelle mir vor, wie das Haus mit den Werkstätten von Arbeitern und Handwerkern bevölkert war, und wie bei der Produktion ein Arbeitsgang in den anderen überging, bis am Ende im Kontor die Schachteln mit den Korkenziehern versandfertig gemacht wurden.

Das Besondere an den hier gefertigten Korkenziehern besteht im »Freiformschmieden im Gesenk«. Was das bedeutet und viel mehr darüber hinaus, zeigt dieses Museum, das ich jedem Freund der handwerklichen Metallbearbeitung empfehlen möchte. Es vermittelt ein äußerst anschauliches Bild der früheren harten Arbeitswirklichkeit, die nicht unbedingt eine Sehnsucht nach der »guten alten Zeit« aufkommen lässt.

Hütte am Steinhorst - Rennsteigverein Runst

Hütte am Steinhorst - Rennsteigverein Runst (Quelle: Ursula Füchsel )

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»Gut Runst!« Wandern mit Tradition auf dem Rennsteig

von Gastautorin Ursula Füchsel

Die Autorin ist Vorsitzende der Ortsgruppe Suhl des Rennsteigvereins 1896 e.V. und Redakteurin der Vereinszeitschrift »Mareile«:

Rennsteige waren die Schnellverbindungen der Vergangenheit, die vor allem der Überbringung von ­Nachrichten dienten. Sie verbanden die Handelsstädte auf direktem Wege und verliefen überwiegend auf schmalen Pfaden, hügelauf, hügelab und an Gebirgskämmen entlang.

Das Wandern als reines Vergnügen hat seinen Ursprung in der Zeit der Romantik. Ende des 19. Jahrhunderts machten es sich der Lehrer Ludwig Hertel zur Aufgabe einen Verein zu gründen, der sich der Erforschung und Erkundung, sowie der Kennzeichnung und Erwanderung des heute als »Rennsteig« bekannten Höhenweges des Thüringer Waldes widmete. So wurde der Rennsteigverein 1896 im Forsthaus Weidmannsheil bei Steinbach am Wald gegründet. Der von Hertel anfangs handschriftlich verfasste Zirkularbrief »Mareile« trug den Namen der Förstertochter.

Die Runsten – so nennt man den Gang über den gesamten Rennsteig – waren von Anfang an wichtige Veranstaltungen im Vereinsleben. Man besprach Wegeführungen, vermittelte die Geschichte der Grenzen und Grenzsteine und zelebrierte schlicht das Miteinander der Wanderer auf dem Rennsteig bei den »Sippungen«, was Versammlungen während der Runsten waren. Vereinseigene Rituale, wie der Runstgesang wurden nach Erprobung etabliert und im Jahre 1900 auch ein eigener Gruß – »Gut Runst«:

Gut Runst, Gut Runst, Gut Runst,
oh lebe fort auf edle Art,
du herrlich- schöne, du schöne Rennsteigfahrt!
Gut Runst!


Der Mauerbau 1961 unterbrach die wissenschaftliche Erforschung des Rennsteigs für lange Zeit. In der DDR war der Rennsteigverein, wie viele andere Vereine, verboten. Außerdem überquerte der Weg ja theoretisch insgesamt sechsmal die innerdeutsche Grenze. Erst nach Mauerfall und Wiedervereinigung war es wieder möglich, den Rennsteig als Ganzes zu begehen, Pfingsten 1991 fand die erste Runst seit 49 Jahren statt.

Durch den Kontakt von Wanderfreunden aus Franken und der nun ehemaligen DDR bildeten sich schnell neue Ortsgruppen in der Nähe des Rennsteigs. Die Unsrige wurde am 13. Juli 1990 gegründet. Unser Sommerfest auf der herrlichen Wiese vor unserer Vereinshütte findet jedes Jahr um dieses Jubiläum herum statt. Und natürlich führen wir, neben etwa 75 anderen Wanderungen, auch jedes Jahr zwei Runsten durch.

Erfurter Straßenbahn

Erfurter Straßenbahn (Quelle: ScottyScout )

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Zweigleisig unterwegs – die Erfurter »Bimmel« verbindet Transport und Sightseeing

von Gastautorin Maria Haun

Auf drei Betriebshöfen parken die Erfurter Straßenbahnen: am Urbicher Kreuz, am Klinikum und in der Magdeburger Allee, wo das erste Depot der Erfurter Straßenbahn entstand. Ein Ausflug hierhin lohnt sich. Das Verwaltungsgebäude ist gut erhalten und seit 2002 ziert ein Denkmal vom Angerturm, einer ehemaligen Verkehrskanzel, den Betriebshof. Interessant ist auch die Wagenhalle, in der heute ein Schulungszentrum und eine Werkstatt untergebracht sind. Wer genau hinschaut, der kann an einem Torpfeiler der Westzufahrt das Baujahr 1883 entziffern – einer Zeit, in der wohl mehr Pferde als Bahnen in der Halle untergestellt waren. Denn am 13. Mai 1883 wurde die erste Pferdebahn in Betrieb genommen. Damals verkehrte sie auf der fünf Kilometer langen »Roten Linie«, die den Johannesplatz mit der Gaststätte Flora verband oder auf der 2,4 Kilometer langen »Grünen Linie«, die vom Anger über den Hirschgarten bis zum Schießhaus führte.

Die erste »Elektrische« folgte im Sommer 1894. Die von den Erfurtern damals wie heute liebevoll als »Bimmel« bezeichnete Straßenbahn erfreute sich so großer Beliebtheit, dass die Direktion der Verkehrs-AG im Dezember 1942 ein Machtwort sprechen musste und die Fahrgäste zu »mehr Schnelligkeit beim Ein- und Aussteigen« aufforderte, damit eine schnellere Abwicklung des Verkehrs gewährleistet werden konnte.

Auch heute ist die lange Tradition noch auf den Schienen zu beobachten, wenn man genügend Geduld hat oder einfach selbst eine Fahrt mit einer historischen Bahn bucht. Insgesamt drei historische Triebwagen und zwei Beiwagen befinden sich noch im Bestand der Erfurter Verkehrsbetriebe, unter anderem eine Traditionsbahn aus dem Jahre 1938 und eine »kultige DDR-Bahn« des tschechischen Herstellers Tatra, der den einstigen Ostblock mit Straßenbahnen versorgte. Eine Übersicht aller Modelle bietet die Internetseite der Stadtwerke Erfurt unter der Rubrik Stadtbahn und Bus » Fahrzeuganmietung. Hier können die Bahnen für besondere Anlässe oder Stadtrundfahrten gemietet werden.

Am häufigsten fällt die Wahl dabei wohl auf den »Katerexpress« aus dem Jahr 1967, der mit einem gemütlichen Tresen, einer Klima- und Musikanlage sowie einem WC ausgestattet ist und mit bis zu 30 Fahrgästen durch die Stadt gondelt. Wer möchte, bekommt dazu eine »rollende Kaffeetafel« oder ein »Erfurter Schaffnervesper« serviert.

Dampflokwerk Meiningen

Dampflokwerk Meiningen (Quelle: Dampflokwerk Meiningen / Udo Steinwasser )

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Das Dampflokwerk Meiningen – Fachwerkstatt mit Familienanschluss

von Gastautor Uwe Leifheit

Dipl.-Ing. Uwe Leifheit war 15 Jahre Leiter für Marketing und Vertrieb im Dampflokwerk Meiningen:

Nicht nur aus Deutschland, aus Europa und sogar aus Australien werden Aufträge an die Spezialisten für Dampfloks in Meiningen erteilt. Selbst neue Dampflokomotiven können gebaut werden. Als letztes großes Dampflokwerk der DB AG hat sich der Betrieb nach der Wende für die zahlreichen noch professionell mit Dampfloks fahrenden Eisenbahnunternehmen, wie zum Beispiel die Harzer Schmalspurbahnen, die Mecklenburgische Bäderbahn »Molli« oder die Rügensche Bäderbahn unverzichtbar gemacht. Aber auch zahlreiche Vereine, Museumsbahnen und private Betreiber nutzen die Fachkompetenz der Meininger Werkstatt. Neben den Reparaturarbeiten an Dampflokomotiven werden auch historische Reisezugwagen, moderne Schneeräumfahrzeuge oder Eisenbahndrehkrane durch die Fachwerkstatt betreut.

Es gibt wenige technische Entwicklungen, die eine ähnliche Faszination auslösen, wie es die Dampflokomotive tut. Überall wo eine Dampflokomotive erscheint, kann man immer die gleiche Reaktion beobachten: Väter oder Großväter mit ihren Kindern oder Enkeln stehen mit leuchtenden Augen am Gleis und bestaunen die Maschine. Schnell beginnen Insider mit dem Fachsimpeln. Eine Steigerung dessen kann man dann im Dampflokwerk Meiningen beobachten. Hier werden die Dampflokomotiven in ihre vielen tausend Einzelteile zerlegt. Diese werden »befundet« und aufgearbeitet, ehe sie wieder zu einem rauchenden und schnaufenden Wunderwerk der Technik zusammengefügt werden.

Gäste sind hier willkommen. Nach Voranmeldung kann man mitunter dem einen oder anderen Handwerker einmal über die Schulter schauen. Von Vorteil für das Dampflokwerk ist die Nähe zu den Thüringer Bildungseinrichtungen wie die FH Schmalkalden, die Hochschule in Eisenach und die Universität Ilmenau. Sie sorgen neben unserer eigenen Berufsausbildung für den technischen Nachwuchs. So wird auch für die Zukunft der Bedarf an Fachkräften umfassend gesichert. Sowohl in der Konstruktion, als auch in der Technik, im Controlling oder im Marketing und Vertrieb findet man hier interessante, sowie einmalige und auch spannende Aufgaben.

Hermsdorf Kreuz - Autobahn-Kleeblatt

Hermsdorf Kreuz - Autobahn-Kleeblatt (Quelle: Landesarchiv Thüringen (Hinweis: Rechte Urheber erloschen / Bild von 1936) )

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Kleeblatt mit Rasthof – Automobilität & das Hermsdorfer Kreuz

1932 eröffnete der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer die erste deutsche Autobahn – Köln-Bonn. Bis dato hatte sich vermutlich kaum jemand Gedanken darum gemacht, wie das Problem zweier sich begegnender mehrspuriger Schnellstraßen zu lösen sei. Weder die Geschwindigkeit, noch die Zahl der Fahrzeuge hatten dies nötig gemacht. Das »Kleeblatt« wurde so gleich zweimal erfunden, in den USA 1916 und 1929 durch einen Schweizer. Das Hermsdorfer Kreuz ist nach dem Schkeuditzer Kreuz in Sachsen, das zweitälteste Autobahnkreuz Deutschlands und hätte nach Plan der größte deutsche Autobahnrasthof werden sollen, was aufgrund des 2. Weltkrieges in großen Teilen nie realisiert wurde.

An der Schnittstelle jahrhundertealter Handelswege, die Richtung Süden bis nach Rom und weiter nach Osten ins Osmanische Reich führten, wurde 1936 mit der abschnittsweisen Eröffnung der Autobahnverbindung zwischen der Reichshauptstadt Berlin und München, auch der Bau des Rasthofes begonnen und 1939 abgeschlossen.

Damals waren Rasthöfe keine praktische Selbstverständlichkeit, sondern vielmehr Teil der ästhetischen Planung für die Reichsautobahnen, für die auch die Landschaft entlang der Straße »umgebaut« wurde und so an besonders »schönen« Standorten, in Abständen von 150 bis 200 Kilometern, neben den notwendigen Autobahntankstellen, Rasthöfe als Orte des Pausierens für erschöpfte Automobilisten entstanden.

Der Rasthof Hermsdorfer Kreuz wurde durch die MITROPA betrieben, in gehobener Klasse mit Silberbesteck und Porzellan. Im Hotelbereich gab es auch ein Hitler-Zimmer. Adolf Hitler war hier aber nie zu Gast. Dafür durften die Rasthof-Mitarbeiter 1969 die Spieler der BSG Motor Eisenach und von Wismut Aue begrüßen und Kosmonaut Sigmund Jähn beehrte 1978 die nahe gelegene Raststätte »Teufelstal« – die auch zum Rasthof gehörte. Bemerkenswertes in Sachen Prominenz begab sich 1981: Wenige Wochen vor seiner Wahl zum Präsidenten Frankreichs, besuchte François Mitterrand Rudolstadt, von wo aus er 1941 als Kriegsgefangener geflohen war. Am Rasthof traf er sich mit Willy Brandt, der dafür extra aus dem »Westen« angereist war.

Das Restaurantgebäude steht heute unter Denkmalschutz, befindet sich weitgehend im Originalzustand und ist renoviert. Der Restaurantbetrieb ist zurück gefahren, Teile des Rasthofes wurden zugemauert, aber noch kann man hier essen. Eine Rast auf den historischen Spuren der Automobilität lohnt sich.

Evangelisches Allianzhaus Bad Blankenburg

Evangelisches Allianzhaus Bad Blankenburg (Quelle: Evangelisches Allianzhaus )

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»Alle Christen gehören zusammen« - das Allianzhaus in Bad Blankenburg

von Gastautor Werner Beyer

Der Autor ist ehrenamtlicher Archivar im Allianzhaus Bad Blankenburg. Die Evangelische Allianz ist ein Netzwerk evangelisch-reformatorisch gesinnte Christen aus den verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften:

Von frühester Jugend an erlebte ich zum Konferenztermin einen starken Besucherstrom vom Bahnhof her zur 1906 unter Ernst Modersohn gebauten Konferenzhalle. Anna von Weling hatte 1886 die »Villa Greifenstein« unter anderem zu diesem Zweck gekauft. Auch schon bei der Einweihung der »Alten Konferenzhalle« 1898 fanden sich Christen aus aller Welt ein. Allein 16 Sprachen wurden gesprochen. Sie wollten sich über alle Glaubensunterschiede hinweg verständigen, im Wort Gottes nach gemeinsamer Erkenntnis suchen, Gott loben und »nicht nur« im Gebet für alle bedrängten und verfolgten Christen in der Welt einstehen.

So organisierte man beispielsweise um die Jahrhundertwende herum Patenschaften für verwaiste armenische Kinder, schickte Bibeln in Länder, in denen es noch keine zu kaufen gab und unterstützte zahlreiche Missionare. Zu den sieben Sprachen, die Anna von Weling beherrschte, gehörte auch Italienisch. So konnte sie sich um die italienischen Gleisarbeiter kümmern, die damals die Schwarzatalbahn bauten. Ins Schwarzatal ritt auch ein angestellter Prediger Gustav Kaiser mit seinem Pferd »Vorwärts«, um in den Dörfern den Glauben zu wecken und zu stärken. Alles ist getragen von der starken Gewissheit: »Alle Christen gehören zusammen«.

In den Jahren nach 1950 wuchs die Zahl der Konferenzbesucher bis auf 6.000. Quartier fanden jüngere Leute in Zeltlagern. Mehr als 500 Frauen schliefen dicht an dicht in der Stadthalle auf Strohsäcken und später auf Luftmatratzen. In zahlreichen Gemeindesälen der Gegend waren Gemeinschaftsunterkünfte eingerichtet. Auch die Kirchen der Region nahmen die vielen Besucher auf.

Heute wird von hier aus auch die gesamte Arbeit der Deutschen Evangelischen Allianz geleitet. Das Allianzhaus lädt im ganzen Jahr Gäste zu Freizeiten, Seminaren und Begegnungen ein. Im Aufbau befindet sich das Allianz-Archiv, in dem einschlägige Zeitschriften, Bücher und Bilder gesammelt werden. Interessenten wie Seminaristen oder Doktoranten werden hier fündig. Das Allianzhaus hat neben Friedrich Fröbel und dem vielgelesenen Ernst Modersohn, viel dazu beigetragen, dass Bad Blankenburg heute weltweit bekannt ist.

Milchhof Arnstadt

Milchhof Arnstadt (Quelle: ScottyScout )

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Milch & Moderne – Der Milchhof Arnstadt

Die Wünsche des Milchhof Arnstadt e.V. für den »Milchhof« scheinen klein – ein dichtes Dach, trockene Räume und Glasfenster, dort wo bis vor kurzem noch der Zahn der Zeit und Vandalismus Leere, Zerstörung und Verfall hinterließen. Öffentliche Gelder wurden eingeworben, erste Begehungen und Veranstaltungen beleben den Ort neu, der Kulturzentrum, Galerie, wieder ein lebendiger Ort werden will.

1929 eröffnete der Milchhof Arnstadt als Genossenschaftsmolkerei, um »die Bevölkerung mit hochwertiger, einwandfrei behandelter Milch und Milchprodukten zu versorgen« oder etwas volkstümlicher, wie es die »Eröffnungs-Anzeige.« im Arnstädter Anzeiger verkündete: »Einem geehrten Publikum von Arnstadt und Umgebung bringen wir hiermit ergebenst zur Kenntnis […] Ausgerüstet mit den neuzeitlichsten Einrichtungen […] Dauererhitzte, keimfreie Frischmilch in Kannen und Flaschen […], prima Schlagsahne, Speisequark, hochfeinste Tafelbutter […]«.

Architekt Martin Schwarz hatte für den Industriebau die Methodik damals modernster Milchproduktion in die Anmutung des Gebäudes übersetzt: Die Anordnung und der Grundriss der Räume, in einen großen weithin sichtbaren Ziegel-Kubus »verpackt«, spiegelt den Produktionsablauf von Anlieferung über Verarbeitung, Lagerung und Abholung der Milch. Der Einsatz von Stahl-Beton für Treppen und Decken, Fenster mit Metall-Rahmen und Eisen-Geländer sowie Schiebetüren machen den Bau äußerst funktional und gerade das entfaltet eine ganz eigene, damals noch neue und bis heute höchst »modern« gebliebene Ästhetik.

Bis 1990 blieb der »Milchhof« in Betrieb und verlor trotz wirtschaftlichen und technischen Wandels weder seine Funktion noch sein ursprüngliches Aussehen. Nach der »Wende« scheiterten diverse Initiativen zur Nutzung und Restaurierung.

Mit Blick auf 2019 – 100 Jahre Bauhaus – soll hier nun daran erinnert werden, was den Geist und das Erbe dieser Architektur- und Designschule maßgebend für das 20. Jahrhundert macht. Architekt Martin Schwarz selbst war kein »Bauhäusler«, hat aber mit dem »Milchhof« einen Bau geschaffen, der die Ideale und Vorstellungen der 1920er und 1930er Jahre des Bauhauses in Weimar und Dessau verkörpert. Was damals Avantgarde war, wurde später Allgemeingut. So ist der »Milchhof« heute ein Baudenkmal und immer öfter ein lebendiger Kultur-Ort.

Zwergenmanufaktur und Gartenzwergmuseum Gräfenroda

Zwergenmanufaktur und Gartenzwergmuseum Gräfenroda (Quelle: ScottyScout )

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Wo Gräfenrodas Zwerge das Licht der Welt erblicken

Gartenzwerge zählen in Deutschland mit zu den beliebtesten Vorgarten-Bewohnern. Wer genau wissen möchte, wie diese gnomenhaften Geschöpfe entstehen und welche Geschichte sie bereits hinter sich haben, der ist im Zwergenmuseum in Gräfenroda genau richtig. Mitten im Ort steht, unübersehbar, die auch heute noch voll im Betrieb befindliche Gartenzwergmanufaktur des Philipp Griebel. In der vierten Generation werden hier seit 1874 Keramikfiguren hergestellt.

Angefangen hatte alles mit Tieren und Tierköpfen, die für Innenräume in Heimarbeit gefertigt wurden. Nach 1880 kamen die Gnome hinzu, Wesen mit Zipfelmützen, Bärten und oftmals mit Laternen in der Hand, wie sie von den kleinwüchsigen Männern im früheren Bergbau unter Tage getragen wurden. Die Inspiration dazu waren wahrscheinlich Begegnungen von Firmengründer Philipp Griebel mit Bergleuten aus benachbarten Stollen. Sie gaben ihm die Idee, menschenähnliche, doch im Vergleich von Kopf zu Körper überproportionierte Figuren zu schaffen.

»Die Zwerge sind meine Vorbilder – sie nörgeln nicht«, meint schmunzelnd Reinhard Griebel, der nach der Wende den Familienbetrieb übernommen hat und auch noch heute eine Vielzahl unterschiedlichster Figuren in Kleinserie produziert. In den liebevoll eingerichteten Museumsräumen hat Familie Griebel Szenen mit großen und kleinen Figuren zusammengestellt. Für mich immer wieder beeindruckend sind die vielen märchenhaften und bäuerlichen Szenen, in denen in Lebensgröße Menschen sowie Tiere des Waldes »wie im richtigen Leben« vor mir stehen. Natürlich sind auch viele unterschiedliche Zwerge bei der bergmännischen Arbeit zu sehen. Mich erfreut immer wieder eine Zwergen-Eisenbahn, die hier ihre Runden dreht. Wenn sie sich fauchend und pfeifend in Bewegung setzt, dann schlagen die Herzen von großen und kleinen Eisenbahnliebhabern höher. 

Aber hier gibt es auch Einblick in den Herstellungsprozess der Keramiken. Die einzelnen Arbeitsschritte können in den Arbeitsräumen nachvollzogen werden. Mich erstaunt, wie viele Handgriffe es braucht, bis aus der einfachen Tonmasse »geboren«, ein lustig dreinblickender, bunt bemalter Gartenzwerg auf dem Tisch steht. Und selbstverständlich beobachten die Figuren von ihren Regalen herab, wie sich die Menschen in der doch etwas fremden »Zwergenwelt« neugierig umschauen. So rundet sich das Bild eines Betriebes ab, der als letzter der zahlreichen Terrakotta-Manufakturen in Gräfenroda, dem Geburtsort der Gartenzwerge, übrig geblieben ist.

Braumanufaktur Schmalkalden

Braumanufaktur Schmalkalden (Quelle: Braumanufaktur Schmalkalden )

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Braumanufaktur Schmalkalden – altes Braurecht neu belebt

von Gastautor Christoph Zimmermann

Christoph Zimmermann engagierte sich als Mitglied des Stadtrates für die Wiederbelebung der Braukultur in Schmalkalden:

Geselliges Beisammensein beim Biere hatte in Schmalkalden schon zu Luthers Zeiten Tradition. Mehr als 200 sogenannte »Freihäuser«, in denen die Geistlichen miet- und steuerfrei wohnten, besaßen dereinst in der Stadt ein eigenes Braurecht, überdies soll es in Schmalkalden mehr als 20 Gasthöfe gegeben haben.

Umso bedauerlicher, dass sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts niemand mehr fand, der das Schmalkalder Braurecht ausüben wollte. Bis sich vor einiger Zeit ein Realschullehrer, ein Bauingenieur und ein Industriemechaniker zusammentaten. Schräg gegenüber des traditionsreichen Hessenhofes, im Herzen der historischen Altstadt machten sie ihr Hobby zum (Neben-)Beruf: Inspiriert vom aus den USA und England herüberschwappenden Craftbeer-Trend wagten sie das Abenteuer Wiederbelebung des Schmalkalder Braurechts. »Wenn es dort und in den deutschen Großstädten funktioniert, dem Einheitsgeschmack der großen Biermarken etwas entgegenzusetzen, warum dann nicht auch hier in Schmalkalden?«, dachten sie sich und machten sich auf die Suche nach dem richtigen Konzept. Mit Unterstützung eines Historikers wurden sie fündig. Broihahn, Mumme oder Rotbier sind nicht nur »irgendwelche« handwerklich gebrauten Bierspezialitäten, sondern werden nach alten Originalrezepturen hergestellt, die sich im Schmalkalder Stadtarchiv fanden.

Nicht nur bei den Rezepten, sondern auch bei den Zutaten setzt die Braumanufaktur in der Weidebrunner Gasse weitmöglichst auf Regionalität. Das Getreide kommt aus der Umgebung, der Hopfen aus dem mitteldeutschen Anbaugebiet Elbe-Saale mit seiner bald tausendjährigen Anbautradition. Wer sich einmal selbst als Bierbrauer versuchen möchte, kann bei einem Braukurs lernen, was es mit Röstaroma und Stammwürze auf sich hat. Natürlich wird das selbstgebraute Bier im Nachgang gesellig verkostet. Und wer weiß, vielleicht schmeckt es ja tatsächlich genau so, wie schon in den »Freihäusern« des 16. Jahrhunderts?

Naturfreundehaus Thüringer Wald in Gießübel

Naturfreundehaus Thüringer Wald in Gießübel (Quelle: Kristine Müller / NaturFreunde Thüringen )

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Ein Ort fürs Miteinander – das Naturfreundehaus Thüringer Wald

von Gastautorin Kristine Müller

Die Autorin ist seit ihrer Jugendzeit Mitglied der Naturfreunde und leitet heute die Geschäftsstelle des Thüringer Landesverbandes:

»Berg frei!« – der traditionelle Gruß der Naturfreunde erzählt bereits viel über ihre Geschichte: Im ausgehenden 19. Jahrhundert befand sich das meiste Land in Privatbesitz, Betretungsverbote waren eher Regel als Ausnahme. Der soziale Anspruch, der aus der Arbeiterbewegung heraus gegründeten Naturfreunde war es, den Zugang zur Natur zu »befreien« und so auch der breiten Bevölkerung Erholung und Freizeitgestaltung in der Natur zu ermöglichen. Anfang des 20. Jahrhunderts errichten Naturfreunde-Gruppen in gemeinsamer Handarbeit die ersten Vereinshäuser. Zu Beginn waren dies meist einfache Berghütten wie man sie vom Wandern kennt. Später wurden die Häuser größer und die durchgeführten Gruppenaktivitäten immer vielfältiger.

In der Zeit des Nationalsozialismus waren die Naturfreunde als sozialer und demokratischer Verein verboten, die Häuser wurden enteignet. Während die Naturfreundehäuser in der ehemaligen Bundesrepublik später größtenteils rückübertragen wurden, blieb die Bewegung in der DDR auch weiterhin verboten. Erst nach der Wende wurden in den neuen Bundesländern wieder Naturfreunde-Ortsgruppen und Landesverbände gegründet. Das erklärt auch, warum es heute in ganz Thüringen nur ein einziges Naturfreundehaus zum Übernachten gibt.

Während heute jedoch viele Vereine mit Überalterung und Nachwuchsmangel zu kämpfen haben, ist der thüringische Landesverband mit seinen 650 Mitgliedern ziemlich gut aufgestellt. Gemeinsam mit den Ortsgruppen entwickeln wir verschiedenste Formate für die gemeinsame Freizeitgestaltung. Neben den klassischen Natursportarten sind bei uns Ökologie, Jugend- und Familienarbeit wichtige Themen. Und wir sind natürlich alles andere als unpolitisch: Werte wie Toleranz, Gleichberechtigung und Solidarität bestimmen unsere Projekte und Aktivitäten. Bei »Politik im Grünen« kommen wir zum Beispiel beim Wandern mit Kommunal- und Landespolitikern ins Gespräch und an vielen Stellen arbeiten wir mit internationalen Partnern zusammen. Es ist immer wieder spannend zu sehen, was sich entwickelt, wenn wir mit neuen Gesichtern und Ideen in den kleinen, abgeschiedenen Ort Gießübel in der Gemeinde Schleusegrund mitten im Thüringer Wald kommen.

Knopf- und Regionalmuseum Schmölln

Knopf- und Regionalmuseum Schmölln (Quelle: Hans-Jürgen Mutz )

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Fleiß und Verstand für den »Knopf in deiner Hand«

von Gastautor Hans-Jürgen Mutz

Der Autor arbeitet in der derzeit einzigen Knopffabrik in Schmölln und engagiert sich im Heimatverein der Stadt:

Auf 950 Jahre Ortsgeschichte und über 150 Jahre industrielle Knopfproduktion blicken die Schmöllner stolz zurück. Ihr Städtchen war mal Weltmarktführer in Sachen »Knopf«. 1861 gründete Herrmann Donath eine Steinnußfabrik. Dutzende Fabriken mit teils imposanten Klinkerfassaden und qualmenden Schornsteinen prägten vor 100 Jahren bis zur »Wende« das graubraune Stadtbild. Man meinte gar, es müsste halt so sein – Arbeit, Lohn und Brot für eine ganze Stadt hat seinen Preis.

Kommt man heute nach Schmölln, erscheint es endlich bunt, so bunt wie die Milliarden Knöpfe »Made in Schmölln«. Da aber das Wissen um deren Allgegenwart erhalten bleiben soll, markieren seit kurzem »Edelstahlknöpfe« im Fußweg eingelassen, die Produktionsstätten der Vergangenheit. 18 Knöpfe gilt es zu erwandern, unter anderem vor einem Altersheim oder neuen Wohnungen, aber auch an noch brachliegenden Wiesen mitten im Stadtgebiet. Aktuell gibt es nur noch eine Schmöllner Knopffabrik. Es fällt auch Einheimischen schwer sich das alte Stadtbild vorzustellen, so viele positive Veränderungen haben Schmölln verjüngt.

Das Knopf- und Regionalmuseum von Schmölln berichtet vom Unternehmertum und Arbeiterfleiß und von Knöpfen so vielfältig und formenvoll wie es vergangene Moden diktierten. Die Herstellungsgeschichte eines Alltagsproduktes, wie zum Beispiel ein Steinnußknopf aus der Frucht der südamerikanischen Taguapalme ist überraschend interessant: Angefangen von der Bearbeitung in der Abschlagtrommel, Sägerei, Dreherei, Löcherei, Farbe, Polierfass, Lackierung und Sortierung bis hin zur Kommissionierung und Auslieferung.

Doch nicht nur das »pflanzliche Elfenbein« der Steinnuß, auch Horn, Holz, Leder, Glas oder Kunststoff taugen als Werkstoff. Im Museum kann man verschiedenste Knöpfe – Materialien, Formen, Farben und Funktionen – in die Hand und in Augenschein nehmen. So werden auch die komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge der Knopfproduktion ersichtlich. Es braucht Maschinen- und Werkzeugbau, chemische Zulieferungen und eine passende Infrastruktur für Verpackung und Versand. All das hatte die Stadt Schmölln zu bieten: Fleiß und Verstand für den »Knopf in deiner Hand«.

Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden

Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden (Quelle: ScottyScout )

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Eine Zeitreise aufs Land - Wohnkultur und Alltagsleben in Hohenfelden

von Gastautorin Franziska Zschäk

Die Diplom-Ethnographin ist seit 2013 Museumsleiterin des Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden.

In der Mitte Thüringens zwischen Erfurt und Weimar liegt Hohenfelden. Seit 1979 gibt es hier das Thüringer Freilichtmuseum. Im Ort und im nahe gelegenen Museumsgelände »Am Eichberg« wird die Welt unserer Großeltern und Urgroßeltern ganz ohne Computeranimationen begreifbar.

Und das in mehrfacher Hinsicht: Mehr als 30 historische Gebäude aus vier Jahrhunderten gehören zum Museum. In der Architektur und den Wohnräumen, aber auch in den umliegenden Gärten werden ländlichen Wohn- und Lebenswelten bewahrt. Unverputzte Werkstätten, rußgeschwärzte Küchen, der Klassenraum in der Dorfschule oder die Stube neben dem Kuhstall ergeben ein Gesamtbild vom Dorfleben.

Jedes Haus ist detailreich und im Stil einer bestimmten Zeit eingerichtet. So erschließen sich unseren Besuchern Zusammenhänge, die sich in klassischen Museen nicht nachvollziehen lassen. Oft sehe ich im Museum Kinder und Erwachsene die das Gesehene mit ihrer eigenen Lebenswelt vergleichen.

Die Gebäude stammen aus ganz Thüringen. Sie wurden, teils mit Tiefladern, nach Hohenfelden gebracht. Dann zieht nicht nur das Fachwerk an einen neuen Standort, sondern auch die (Familien)Geschichte des jeweiligen Hauses. So können wir nicht nur Bautechniken sondern auch Zeitpunkte und Gründe für funktionale Umbauten untersuchen.

Um das Museum für unsere Gäste lebendig werden zu lassen, nutzt das Museum auch den Erfahrungsschatz alter Handwerker. So können unsere Besucher an Schautagen oder während unserer Museumsfeste beispielsweise in der Töpferei, der Schmiede oder im Brauhaus alte Handwerkstechniken erleben.

Seit 2011 kann im Museum auch Mehl gemahlen werden. Als die Bockwindmühle aus Großmehlra bei Mühlhausen hierher umgesetzt wurde, half uns der Enkel des letzten Müllers mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen, die alte Technik wieder in Gang zu setzten. Mich beeindruckt ein besonderes Detail: Mittelpunkt der Mühle ist ein mächtiger Eichenstamm, welcher 1729, als das Gebäude gebaut wurde, schon über 500 Jahre alt war und bis heute überdauert hat.

Bad Liebenstein - Wirkungsstätte Friedrich Fröbel (Schule für Erzieherinnen)

Bad Liebenstein - Wirkungsstätte Friedrich Fröbel (Schule für Erzieherinnen) (Quelle: Dr. Matthias Brodbeck )

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Eine Schule für Frauen – auf Fröbels Spuren rund um Bad Liebenstein

von Gastautor Dr. Matthias Brodbeck

Der Fröbel-Kenner beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Leben von Friedrich Fröbel, dem Begründer des »Kindergartens«. Die späten Lebensstationen des Pädagogen kann man auf einem Rundweg in Bad Liebenstein erwandern und dort auch mehr über ein weiteres Verdienst des Mannes erfahren:

Rund um Bad Liebenstein gibt es besonders viele »Fröbel-Orte«, an denen man mehr über das Leben des Pädagogen erfahren kann, der 1839 in den ersten Kindergarten gründete und die frühkindliche Bildung revolutionierte. Die 11 Kilometer lange Wanderung oder Radtour rund um Bad Liebenstein startet am Hotel Fröbelhof. Dort befand sich 1849 ein Gutshof, die erste Herberge für den damals schon 67 jährigen. In einer empfehlenswerten Ausstellung im Hotel erfährt der Besucher mehr über diese Zeit.

1850 bezog Friedrich Fröbel das Schlösschen in Marienthal in direkter Nachbarschaft von Bad Liebenstein. Hier gründete er die erste Ausbildungsstätte für »Kinderpflegerinnen« und wurde so auch zu einem der Wegbereiter der Emanzipation der Frauen im 19. Jahrhundert. Dieses Verdienst Fröbels geht beim Blick auf dessen Leben bisweilen verloren: Die Ausbildung der Frauen hatte ein ganz neues Qualitätsniveau. Hier wurden die Vorstellungen aus Fröbels Schriften zur frühkindlichen Bildung »berufpädagogisch« vermittelt. In Marienthal befand sich eine der ersten Einrichtungen in Deutschland zur säkularen Berufsausbildung für Frauen. Bis dato gab es für Mädchen und Frauen (wenn überhaupt) allenfalls die Schulbildung. Nur die Nonnen in den Klöstern erwarben darüber hinaus theologisches und medizinisches Wissen. Ganz uneigennützig war das nicht, denn es bedurfte überzeugter »Multiplikatorinnen« der frühkindlichen Erziehung, die Fröbel propagierte.

Als Fröbel 1852 in Marienthal starb, war er sicher kein überzeugter Feminist, aber er hatte die Welt des Lernens für Kinder und auch für Frauen verändert. Nach dessen Tod schuf Ernst Luther – ein Nachfahre der Familie Martin Luthers und Schüler des Verstorbenen – einen Grabstein für Friedrich Fröbel, mit den aufeinander gestellten Fröbelschen Spielgaben: Kugel, Walze und Würfel. Auch diesen Stein findet man am Fröbel-Rundwanderweg.

Wasserradbetriebene Schmiedeanlage Tobiashammer

Wasserradbetriebene Schmiedeanlage Tobiashammer (Quelle: Horst Gröner )

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Bei Ohrdruf wird wie wild gehämmert – der Tobiashammer

von Gastautor Horst Gröner

Im Tal der Ohra gab es in vergangenen Jahrhunderten eine ganze Reihe von Hammerwerken, deren Gehämmer weithin hörbar war. Übrig geblieben am Rande des Thüringer Waldes ist nur der 1482 erbaute Tobiashammer zwischen Ohrdruf und Luisenthal, Technisches Denkmal Tobiashammer Ohrdruf/Thür. – so der offizielle Name. Alles, was dort seit 1983 liebevoll zusammengetragen worden ist, wird in authentischen Werkstätten präsentiert. Vieles davon kann bei den regelmäßigen Vorführungen in Funktion bestaunt werden.

An einem Blechwalzwerk erlebt der Besucher, wie mühselig und zeitraubend dort immer dünner werdende Bleche entstehen. Erstaunlich, wie große Wasserräder außen am Gebäude die Getriebe über ins Haus führende Wellen kraftvoll anpacken und somit die Walzen ans Arbeiten bringen. Aber viel mehr noch faszinieren mich die Fallhämmer, die nebeneinander angebracht sind und ebenfalls über Wasserräder angetrieben sind. Dann stelle ich mir vor, wie durch Menschen, die beispielsweise ein Kupferblech halten, drehen und ziehen mussten, an einem Tiefhammer mit einer Masse von 180 Kilogramm, Kessel für Pauken oder Waschzuber gefertigt wurden. Ohrenbetäubend muss der Lärm gewesen sein, wenn dann gleichzeitig und immer unter Gefahr an mehreren Hämmern gearbeitet wurde. Selbst jetzt, bei nur noch einem in Betrieb befindlichen Eisenhammer, halte ich mir wie andere Besucher dann doch lieber die Ohren zu!

Ruhiger und beschaulicher geht es draußen am Wassereinlauf für die Mühlräder zu. Da überkommen mich fast romantische Gefühle. Im angrenzenden Skulpturenpark sind phantasievolle wie auch abstrakte Kunstwerke zu bewundern, die bei den jährlich stattfindenden Schmiedesymposien entstanden sind. Doch solche Emotionen sind schnell verflogen, wenn es auf der anderen Seite der Ohra in eine große Fachwerkscheune geht. Dort steht aus neuerer Zeit und im Jahr 1985 stillgelegt, eine 12.000 PS starke Dampfmaschine aus der Maxhütte Unterwellenborn. Sie diente zum Antrieb einer Formstahlstraße zur Produktion von Bahnschienen, LKW-Felgen und Ähnlichem. Diese imposante Anlage kam 1988 in den Tobiashammer. Heute setzt ein Elektromotor auf Knopfdruck die Dampfmaschine in Bewegung. So wird im Tobiashammer voller Stolz Industriegeschichte über mehrere Jahrhunderte hinweg gezeigt.

Urne Bertha von Suttner

Urne Bertha von Suttner (Quelle: Horst Gröner )

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Die Asche der ersten Friedensnobelpreisträgerin in Gotha

von Gastautorin Ute Hinkeldein

Ute Hinkeldein leitet den Aktionskreis für Frieden Erfurt e.V.:

Mit der Märzrevolution von 1848/1849 wurde eine erste Türe für die Friedensbewegung in Europa aufgestoßen. Die Revolution galt offiziell als gescheitert, dennoch fanden viele gesellschaftliche Bewegungen durch sie ihren Anfang, wie die Arbeiterbewegung oder auch die Friedensbewegung. Eine Person, die mit den Ursprüngen der Friedensbewegung unbedingt zu nennen ist, ist Bertha von Suttner. Sie wurde 1843 in Prag geboren und stammte aus einer böhmischen Adelsfamilie. 1877 begann sie mit ihrer journalistischen Tätigkeit und beschrieb in ihrem pazifistischen Roman »Die Waffen nieder!« das Kriegsgeschehen aus Sicht einer Ehefrau. Der Roman erregte großes Aufsehen und machte sie zur prominentesten Vertreterin der Friedensbewegung.

Betha von Suttner war nicht nur in der Friedensbewegung engagiert, sondern auch in der Frauenbewegung ihrer Zeit und beteiligte sich aktiv in der Gesellschaft. Ihr Anliegen war es, Menschen zu versöhnen. Ihr Vorgehen konnte dabei auch sehr drastisch sein: Eine Annonce mit dem Inhalt: »Frau, schlafe nicht mit einem Kriegsherren oder Antisemiten«, konnten erstaunte Bürger eines Morgens im Jahr 1895 in der Zeitung lesen. Ihre Antwort auf antisemitische Tendenzen. Durch ihre schriftstellerische und journalistische Tätigkeit erreichte sie mehr Menschen als es dutzende Friedenskongresse jemals hätten erzielen können.

Am 10. Dezember 1905 erhielt sie den von ihr angeregten Friedensnobelpreis als erste Frau und fünfte Preisträgerin. Bertha von Suttner fand im thüringischen Gotha ihre letzte Ruhe – einem der wenigen Orte in Europa, an dem in ihrem Todesjahr 1914 durch die weltoffene Haltung der Ernestiner die Feuerbestattung möglich war. In Thüringen gibt es viele verschiedene Friedensinitiativen. Eine davon ist der Aktionskreis für Frieden Erfurt e. V. Wir sind nach der Wende aus dem Neuen Forum hervorgegangen. Wir wollen möglichst viele Menschen direkt erreichen. Viele dachten, mit dem Ende des Kalten Krieges hören gewaltsame Konfrontationen auf. Dem war nicht so. Kriege haben seitdem weltweit und auch in Europa stattgefunden. Von Bertha von Suttner können wir uns bis heute mitnehmen, uns nicht überwältigen zu lassen von der Aufgabe, Frieden zu gestalten, sondern pragmatisch zu denken und jeden Tag zu sehen, was möglich ist.

Weimar Nationaltheater - Goethe-Schiller Denkmal (Collage Pussy Hat Women's March)

Weimar Nationaltheater - Goethe-Schiller Denkmal (Collage Pussy Hat Women's March) (Quelle: ScottyScout (Bildcollage) )

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Vom Deutschen Nationaltheater in Weimar zur pinkfarbenen Wollmütze

von Gastautorin Andrea Wagner

Andrea Wagner ist die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Weimar:

Im deutschen Nationaltheater in Weimar sprach Marie Juchacz 1919 als erste weibliche Parlamentarierin vor der Deutschen Nationalversammlung. Heute trägt der Sitzungssaal des Weimarer Stadtrates ihren Namen. 2018 jährt sich das Frauenwahlrecht in Deutschland zum hundertsten Mal. Das ist Grund genug, sich über den Stand der Gleichstellung der Geschlechter Gedanken zu machen.

Schon die frühe Frauenbewegung hat viel erreicht für Frauen: Das Wahlrecht, das Recht auf ein Studium, die Verbesserung der Gesundheitsfürsorge. Künstlerinnen und Autorinnen konnten in der Folge wagen, unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen und auch die Mode änderte sich – Frauenkleidung beispielsweise musste nun auch so geschnitten sein, dass man mit ihr auf einem Fahrrad sitzen konnte. All das sind Umstände, an die wir uns gewöhnt haben. Darüber hinaus gibt es jedoch heute noch viele Ungerechtigkeiten und ich frage mich, ob wir das Bewusstsein dafür schleichend verlieren. Unsere Konsumgesellschaft beispielsweise wird von der Werbeindustrie mit vorgefertigten Klischees berieselt, beim sogenannten Genderpricing zahlen Frauen mehr für Produkte als Männer. Und Gewalt gegen Frauen ist immer noch ein Thema. Wir haben zwar die passenden Gesetze dagegen, es fehlt oft aber an der Übernahme der Kosten für geeignete Gegenmaßnahmen.

Heute können wir sehen, dass sich die Bewegung für gleiche Rechte über die Geschlechtergrenzen ausweitet. Es findet eine Verschwesterung zwischen Frauen, Homosexuellen, Queers und auch einigen progressiven Männergruppen statt. Auch Männer sagen inzwischen: Wenn Feminismus Befreiung für alle heißt, dann können auch wir uns damit identifizieren. Dieses (wieder) aufkeimende Bewusstsein, dass Gleichstellung in den unterschiedlichen Lebensbereichen noch lange nicht erreicht ist, es sogar vermehrt weltweit Angriffe auf vermeintliche Selbstverständlichkeiten gibt, zeigt sich im Symbol der Pussyhats. Als Reaktion auf einen Ausspruch des amerikanischen Präsidenten begannen Frauen – bald auch Männer – mit pinkfarbenen Strickmützen auf die Straße zu gehen. Sie wenden sich gegen jegliche rückwärtsgewandte, ausgrenzende Politik. Das Tolle ist: Der Women’s March mit seinen Pussyhats hat es geschafft, Menschen über jegliche nationale, soziale Grenzen hinweg zu erreichen und das große Ganze in den Blick zu nehmen.

Ausstellung »Romantisches Gera« im Stadtmuseum

Ausstellung »Romantisches Gera« im Stadtmuseum (Quelle: Stadtmuseum Gera )

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Romantischer Blick auf eine Industriestadt

von Gastautor Matthias Wagner

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stadtmuseum Gera:

Rauchende Schornsteine und gründerzeitliche Villen, Eisenbahnen und Straßenbahn, neue Wohn- und Fabrikviertel – zwischen 1800 und 1900 wandelt sich Gera von einer Handels- und Gewerbestadt mit etwa 7.000 Einwohnern zur größten Industriestadt der thüringischen Staaten mit etwa 46.000 Einwohnern.

Zu den bekanntesten Geraer Malern dieses ereignisreichen Jahrhunderts gehören zweifellos Heinrich Fischer (1786-1850) und sein Sohn Theodor Fischer (1824-1908). Die beruflichen Laufbahnen von Vater und Sohn zeigen mehrere Parallelen. Beide studieren an der Kunstakademie in Dresden und unterrichten später am Geraer Gymnasium. Beiden ist auch – bedingt durch die klassisch-handwerkliche Kunstausbildung – eine große Genauigkeit eigen. Immer ist der Ehrgeiz spürbar, die Dinge genau so abzubilden, wie sie wirklich sind.

Die Arbeiten des Vaters strahlen biedermeierliche Gemütlichkeit aus, sie erlauben einen intimen und detaillierten Blick in Geraer Wohnstuben und Hinterhöfe. Seine kleinformatigen Pastelle zeigen Handwerker, die sich – der Mode der Zeit folgend – gern porträtieren lassen. Dagegen kommen in Theodor Fischers Werken der Unternehmergeist und die Rastlosigkeit der Reichsgründung sowie der nun folgenden Gründerjahre zum Ausdruck. Die Personen seiner zum Teil lebensgroßen Porträts strahlen Selbstbewusstsein und Geschäftigkeit aus. Vater und Sohn beherrschen ihre Arbeitsmittel perfekt. Sie malen, was sie sehen, aber sie malen nicht alles. Beide zeigen – eingebettet in die romantischen Vorstellungen ihrer Zeit – fast ausschließlich die idyllischen Seiten ihres Universums.

Vor allem in den Werken von Theodor Fischer ist die Abneigung gegen die mit aller Gewalt hereinbrechenden wirtschaftlichen und damit auch sozialen Veränderungen zu spüren. Die Straßen und Plätze seiner Gemälde bevölkert die ganze Bandbreite des Bürgertums: Kaufleute, Regierungsräte, Doktoren, Handwerker, Polizeidiener, Postboten, Dienstmägde. Schornsteine und Arbeiter als Produkte der neumodischen Industrieanlagen finden in den Fischer-Bildern dagegen keinen Platz. In den an seinem Lebensende entstandenen Werken zieht sich Theodor Fischer endgültig aus seiner Gegenwart zurück und fertigt nur noch Gemälde, welche Geraer Szenen zwischen 1830 und 1850 zeigen – der glücklichen Zeit seiner Jugendjahre.

Ernst-Abbe-Sportfeld Jena

Ernst-Abbe-Sportfeld Jena (Quelle: Johannes Böhme)

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Es liegt im Paradies – das Ernst-Abbe-Sportfeld des FC Carl Zeiss Jena

von Gastautor Christoph Dieckmann

Christoph Dieckmann ist Journalist, Essayist u.a. für DIE ZEIT und obsessiver Aficionado des FC Carl Zeiss Jena:

Es liegt im Paradies. So heißt Jenas »Auenpark« an der Saale, die das Ernst-Abbe-Sportfeld idyllisch umfließt. Im Frühjahr 1994 trat sie über die Ufer und überflutete auch die Fußballplätze. Wo Jena siegen wollte, balzten Pelikane. Folglich stieg der FC Carl Zeiss aus der 2. Bundesliga ab. Er kam wieder hoch, stürzte abermals, dann noch tiefer, bis in Liga 4 … Die jüngste Überflutung des Ernst-Abbe-Sportfelds ereignete sich am 1. Juni 2017 durch Menschen. In der dramatischen Aufstiegsrelegation zur 3. Liga bezwang Jena Viktoria Köln. Nach dem Abpfiff brachen alle Dämme.

In der Neuzeit hat sich Fußball-Jena sehr verändert. Das namensgebende Kombinat, als dessen Werksklub der Verein 1903 entstanden war, überlebte die DDR als Jenoptik-Konzern und sponsert die heutigen Fußballer mit keinem Cent. Die Holztribüne aus dem Jahre 1924 wurde 1997 abgerissen. 2013 fielen auch die eisernen Giraffen der 1974 erbauten Fluchtlichtanlage: Rostfraß im Fundament, dank Saaleflut. Als der FC Carl Zeiss 2016 im DFB-Pokal gegen Bayern München spielte, musste die Lichtstadt Jena Beleuchtung aus Manchester importieren. Die Zuschauerränge für maximal 12.630 Besucher wurden mittels Stahlrohrkonstruktion temporär ausgebaut. 19.000 erlebten einen Kampf der Titanen, den die Bayern mit letztem Einsatz 5:0 gewannen. Kaum mehr glaubliche 27.500 Zuschauer melden die Annalen des Jahres 1962 vom Europokalspiel gegen Atlético Madrid.

Wer von der Tribüne hinab auf den Rasen blickt, erkennt eine leichte Bodenwelle. Sie stammt aus dem 2. Weltkrieg, als hier eine Flak stand und bombardiert wurde. Seit Jahren plant Jena den Stadionumbau. Eine sogenannte reine Fußballarena soll entstehen, ohne Laufbahn, dafür mit hohen Rängen direkt ums Spielfeld, getrennt von der holden Natur. Letzteres betrübt mich sehr. Fußball in Jena war immer auch ein Landschaftserlebnis. Wie oft tröstete mich in fußballerischer Verzweiflung das erhabene Panorama der Jenenser Höhen. So steht es schon in der Bibel, Psalm 121, Vers 1: »Ich erhebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?« Von den Kernbergen, bisher.

Porzellanmanufaktur Wagner & Apel Lippersdorf

Porzellanmanufaktur Wagner & Apel Lippersdorf (Quelle: ScottyScout )

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Porzellanfiguren aus Lippelsdorf – eine Familiengeschichte

von Gastautorin Marika Rosenbusch

Marika Rosenbusch ist Prokuristin und verantwortlich für Marketing und Verkauf im Familienbetrieb:

1877 hatte unser Ur-Ur-Großvater Bernhard Wagner hier den Grundstein gelegt, wo heute noch engagierte »Porzelliner« mit viel handwerklichem Geschick modellieren, formen, malen, spritzen und Freude an der Entstehung formschöner Figuren aus Porzellan haben. Nach der kompletten Verstaatlichung des Familienbetriebes 1972 und der drohenden Stilllegung Ende der 1980er Jahre, kam die »Wende« und für uns die Möglichkeit der Reprivatisierung.

Der Familienrat wurde einberufen: Unser Vater Hans kannte die Firma aus dem Effeff, war seit 1963 hier Chef – einst Betriebsdirektor, zuletzt Abteilungsleiter – und sollte es bleiben. Unsere Mutter Inge, bis 1980 seine »rechte Hand«, dann zehn Jahre aus ihrem eigenen Betrieb verbannt, war Exportspezialistin. Gina, meine Schwester, gelernter Modelleur mit Ausbildung in Meißen, hat die Kreativität unserer Vorfahren. Ich selbst bin Finanzökonom. Zum 1. Juli 1990 erfolgten die Wiederübernahme in Privatbesitz und danach zähe Verhandlungen mit der Treuhand. Nach dreieinhalb Jahren kam die Zusage, eine neue Produktionshalle bauen zu dürfen, die im Februar 1996 bezugsfertig war. Die Arbeiter hatten nach über sechs Jahren endlich einen warmen und trockenen Arbeitsplatz. Die alte marode Fabrik wurde nun als Verkaufsfläche genutzt. Von außen mit Asbestschiefer verkleidet, Dach und Fenster kaputt, lud sie nicht gerade zum Verweilen ein.

Mitte der 1990er Jahre wurde die Denkmalpflege auf unsere Manufaktur aufmerksam, denn in ihr schlummerten die Schätze der Blütezeit des Industriezweiges Porzellan: ein Dampflokomobil von 1937, Trommeln und Rührwerke der Massemühle, Kapselbrecher, die alten Rundbrandöfen und der komplette Formenschatz. Zum 125. Firmenjubiläum wurde die restaurierte Porzellanmanufaktur der Nachwelt übergeben. Voller Stolz erhielten wir 2005 den Thüringischen Denkmalschutzpreis.

Heute können auch Gäste die Porzellanmanufaktur besuchen, um sie individuell oder während einer Führung zu erkunden und unseren Erläuterungen zu lauschen. Schaut zu, wie unter den Händen der »Porzelliner« wahrhafte Kunstwerke entstehen! Ihr könnt diese natürlich auch kaufen. Im alten Brennhaus könnt ihr anschließend genüsslich bei Kaffee und Kuchen unsere Gastlichkeit genießen.

Garde Uhrenwerk und Uhrenmuseum Ruhla

Garde Uhrenwerk und Uhrenmuseum Ruhla (Quelle: Heidi Pinkepank )

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Ruhla im Takt der Zeit – Stadt der Uhren, Pfeifen und Schalter

von Gastautorin Heidi Pinkepank

Heidi Pinkepank ging wie auch ihre Eltern in Ruhla zur Schule. Ihr Großvater war in Ruhla Medizinalrat und am dortigen Krankenhaus tätig:

Der Schulhof des Albert-Schweitzer-Gymnasiums war bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Kurplatz von Ruhla, umgeben vom Stadtbad, dem herzöglichen Forsthaus und vom Hotel Bellevue in Hanglage. Das Forsthaus wurde ab 1754 Kurhaus und wird seit 1805 als Schulgebäude genutzt, aus dem Hotel wurde 1946 ein Krankenhaus, das heute leer steht. Das Schulhauptgebäude kam 1914 zum Ensemble hinzu.

Neben der Bedeutung Ruhlas als Heilbad im 18. Jahrhundert und seiner Bekanntheit als »Mekka für Pfeifenraucher« – aus dem Mineral Sepiolith, einem seltenen Magnesiumsilikat, wurden hier Meerschaumpfeifen gefertigt – entwickelte sich der Ort vor allem mit der Expansion der Metallwarenfabrikation zur Industriestadt.

»Der Schmied von Ruhla« – als bekannte Sagengestalt und im Stadtwappen zu finden – zeigt die Bedeutung der Metallverarbeitung seit jeher. Kleine Metallwarenfabriken, die in der Köhlergasse, der ältesten Straße der Stadt entstanden, produzierten Beschläge für Schuhsohlen und Messingzubehör für Pfeifen. Das Unternehmen der Gebrüder Thiel expandierte schnell mit der Herstellung von Bierzähler- und Kinderspieluhren und entwickelte sich alsbald zu einem der bedeutendsten Standorte der Uhrenherstellung in Deutschland. Auf die Produktion von Schaltern und anderen elektrischen Fahrzeugteilen spezialisierte sich Otto Schlothauer & Söhne und wurde 1968 zum VEB Kombinat Fahrzeugelektrik Ruhla. Hauptkunde war unter anderem das Automobilwerk Eisenach.

1926 bis 1928 entstand, unter der Leitung des Architekten Thilo Schoder, in der Altensteiner Straße, ein Bauensemble mit Sozialwohnungen. Außerdem wurden ein Postamt, ein neues Stadtbad, ein Freibad, ein Stadion und vier Sprungschanzen errichtet. Heute noch werden die Besucher der Stadt durch das ehemalige Verwaltungsgebäude der Uhrenwerke Ruhla (UWR), 1937 von Schreiter & Schlag geplant, in der Bahnhofstraße empfangen. Bis 1967 hatte hier die »Rühler Bimmel«, eine Eisenbahnlinie zwischen Wutha und Ruhla, noch ihre Endstation. Highlight der Nachkriegsmoderne ist das 1951 errichtete Kulturhaus der Stadt. Ein Großteil der Werksgebäude wurde zurückgebaut. Doch der UWR-Nachkömmling »Gardé Uhren und Feinmechanik Ruhla« nutzt die Hinterlassenschaften für seine Produktion und ein Uhrenmuseum.

KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora Nordhausen

KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora Nordhausen (Quelle: Claus Bach)

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Zwangsarbeit in der NS-Rüstungsproduktion – das KZ Mittelbau-Dora

von Gastautor Felix Roth

Der Autor ist pädagogischer Mitarbeiter in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora:

Britische Luftangriffe auf die Produktionsstandorte der A4-Rakete – von der NS-Propaganda als Vergeltungswaffe 2 – »V2« – bezeichnet – führten zur Untertageverlagerung der Fabrikation in eine vorhandene Stollenanlage bei Nordhausen im Südharz. Im August 1943 gründete die SS das Lager Dora, das zunächst dem KZ Buchenwald als Außenlager unterstellt war. Für den Ausbau der Stollenanlage im Kohnstein und die Serienproduktion der Raketen deportierte die SS tausende KZ-Häftlinge aus anderen Konzentrationslagern in das Lager Dora. In Ermangelung einer Lagerinfrastruktur beging die SS-Lagerführung einen menschenverachtenden Tabubruch mit folgenschweren Auswirkungen für die Insassen: In den ersten neun Monaten mussten Tausende in einem Häftlingslager im Stollen leben und arbeiten. Ohne Tageslicht, Frischluft sowie medizinische und hygienische Versorgung, setzte unter den Häftlingen ein Massensterben ein.

Ab Jahresbeginn 1944 startete die Produktion der A4-Rakete im unterirdischen Werk der »Mittelwerk GmbH«. Neben deutschen Zivilangestellten arbeiteten hier über 5.000 KZ-Häftlinge in der Endmontage der Rakete. Aufgrund der mangelnden Serienreife, der katastrophalen Arbeitsbedingungen für die KZ-Häftlinge und der ungünstigen Produktionsbedingungen in der unterirdischen Fabrik wurde nur eine geringe Produktivität bei gleichzeitig hoher Ausschussquote erreicht, sodass die realitätsfernen Zielvorgaben der NS-Führung nie erfüllt wurden.

Die etwa 200 vorgefertigten Baugruppen der A4-Rakete wurden von hunderten Zulieferbetrieben aus dem gesamten Deutschen Reich in den Südharz transportiert. Diese waren ihrerseits von unzähligen Subunternehmen in ganz Europa abhängig. Dabei setzte fast jedes dieser Unternehmen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in der Fertigung ein.

Die Mehrheit der Insassen des KZ Mittelbau-Dora war jedoch nicht in der Raketenproduktion, sondern auf Untertagebaustellen und in Rüstungsbetrieben der Umgebung zur Zwangsarbeit eingesetzt. Im November 1944 wurde aus dem Buchenwalder Außenlager Dora das administrativ selbstständige Konzentrationslager Mittelbau und damit den übrigen Hauptlagern wie Buchenwald oder Sachsenhausen gleichgestellt. Jeder Dritte der über 60.000 KZ-Häftlinge im Lagerkomplex überlebte die mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen nicht.

Naturschutzgebiet Pennickental

Naturschutzgebiet Pennickental (Quelle: André Nawrotzki )

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Bergbaufolgelandschaft unterm Fuerstenbrunnen in Jena

von Gastautor André Nawrotzki

André Nawrotzki ist Designer und Verleger:

Die meisten fahren an Wöllnitz, einem kleinen Ortsteil von Jena auf halber Strecke zwischen dem Stadtzentrum und der Autobahn, vorbei. Auch wenn die Kirche an der »Stadtautobahn« steht, bleibt der größere Teil des ehemals eigenständigen Dörfchens verborgen. Dabei lohnt es sich zu rasten und dem Weg in das Pennickental zu folgen. Stetig geht es leicht bergan. Bald lockert die Bebauung auf und der gut zu laufende Weg folgt einem Gurgeln – dem Bach mit glasklarem Wasser. Letztendlich ist er es, dem das Tal seine Entstehung verdankt und auch, dass es heute als Bergbaufolgelandschaft gilt.

Die Landschaft links und rechts des Weges bekommt etwas Geheimnisvolles. Bäume, manchmal fast urwaldartiges Gestrüpp und dazwischen hie und da ein Gepräge, das nicht der Bach geschaffen haben kann. Menschen waren es, die sich über Jahrzehnte das, was der Bach vor Jahrtausenden Schicht für Schicht als Tuffstein abgelagert hatte, zunutze machten. War es zunächst Travertin, ein Naturstein der auch im Weimarer Schloss verbaut wurde, dienten später vor allem die lockereren Bestandteile zur Herstellung von ungebrannten Ziegelsteinen als Baumaterial für weniger Betuchte. Die aufkommende Industrie entdeckte das Material als idealen Rohstoff für die Herstellung von Branntkalk und schließlich nutzen ihn Zahnpasta-Produzenten wie Chlorodont. Auch lange nach Ende des Abbaus, seit den 1960er Jahren und nach der teilweise Verfüllung der Brüche mit Abfällen zum Beispiel der Firma SCHOTT, erinnern noch die Namen der Brüche an diese vergangene Zeit – so der Blendax-Bruch. Zehn Steinbrüche gab es insgesamt im Tal. Stück für Stück erobert sich nun die Natur alles zurück, aber noch lange werden die Spuren alter Wege, die Gleisbetten von Lorenbahnen und die scharfen Schnitte der Abbaukanten sichtbar bleiben.

Am Ende unseres Weges gelangen wir zum Fürstenbrunnen. Dort wurde im September 1552 Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige, der Gründer der Jenaer Universität, nach der Entlassung aus kaiserlicher Gefangenschaft von Bürgern und Studenten der Stadt empfangen. Der Brunnen ist eine jener Quellen, welche die Landschaft, durch die uns unser Weg führt, mit ihren Bächen gestalteten. Einen Schluck vom wohlschmeckenden Wasser haben wir uns verdient.

Nationalversammlung Weimarer Republik

Nationalversammlung Weimarer Republik (Quelle: Stadtmuseum Weimar )

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Demokratie braucht informierte Bürger – das Haus der Weimarer Republik

ScottyScout im Gespräch mit Stephan Zänker

Stephan Zänker ist Geschäftsführer des Vereins Weimarer Republik e. V.:

Mit dem Haus der Weimarer Republik wollen wir einen Ort schaffen für alle Menschen, die vorbeilaufen, stehen bleiben und sich fragen: »Weimarer Republik, das habe ich schon mal gehört – was hat das mit mir und mit Heute zu tun?« Nach dem Umzug des Bauhaus-Museums wird in Weimar direkt gegenüber dem Deutschen Nationaltheater ab 2019 ein Forum für Demokratie entstehen, mit einem Ausstellungsbereich, Veranstaltungsräumen und einer Forschungsstelle. Der Ort hat historische Bedeutung: Gegenüber im Nationaltheater tagte 1919 die Nationalversammlung, das erste Parlament der Weimarer Republik.

Mit der Gründung der Weimarer Republik wurde das erste Mal in der Geschichte Deutschlands die Souveränität des Volkes durchgesetzt – die Rolle der Parlamente als Entscheidungsinstanzen war für die damaligen Bürger eine völlig neue Erfahrung. Die Weimarer Republik hatte eine echte Chance, eine dauerhafte Demokratie zu werden. Allerdings traf sie auf extrem ungünstige Rahmenbedingungen, wie die Wirtschaftskrise oder die außenpolitische Lage. Zudem waren die beteiligten Parteien in ihrem Handeln begrenzt – sie waren nicht darin geübt, Verantwortung zu übernehmen für ihr eigenes Tun. Die Basis der Weimarer Republik war zu schwach, um die erbitterten Angriffe von rechts, aber auch von links zu überstehen. Am Ende wurde sie von den Feinden der Demokratie zerstört, ihr folgte die schreckliche Diktatur der Nationalsozialisten.

Das Haus der Weimarer Republik will einen Beitrag zum Demokratiebewusstsein leisten. Wir wollen fragen, wie Freiheit und Demokratie gestaltet werden müssen, damit sich der Einzelne in unserer Gesellschaft wohl fühlt. Auch wenn wir heute ganz andere Rahmenbedingungen und eine stabile Demokratie haben, können wir von den Erfahrungen der Weimarer Republik lernen. Wer sich mit ihrer Geschichte beschäftigt, der erkennt, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist, sondern täglich verteidigt und neu errungen werden muss. Und dass mutige Männer und Frauen trotz widrigster Umstände Großes geleistet haben. Ihnen verdanken wir beispielsweise das Frauenwahlrecht, das Tarif- und Arbeitsrecht, den modernen Sozialstaat und die Arbeitslosenversicherung. Darüber hinaus standen in der Weimarer Republik deutsche Wissenschaft und Kultur in voller Blüte. Diese Ambivalenz macht die Zeit von 1918 bis 1933 so interessant und spannend.

Simson - Fahrzeugmuseum Suhl

Simson - Fahrzeugmuseum Suhl (Quelle: ScottyScout / Simson-Seelig Berlin )

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Simson aus Suhl – bis heute lebendig dank der »Schwalbe«

von Gastautorin Ulrike Schulz

Die Wissenschaftlerin ist Autorin des Buches »Simson. Vom unwahrscheinlichen Überleben eines Unternehmens 1856-1993«:

Wer die Stadt Suhl und ihre Industriekultur kennenlernen will, muss sich Zeit nehmen. Das ist nicht nur so, weil sich Suhl aus acht weit auseinandergezogenen Stadtvierteln, sondern auch aus sehr verschiedenen, historisch geprägten Schichten zusammensetzt. Wer also nur durch den Suhler Stadtkern spaziert, vom Bahnhof bis zum Marktplatz, dann zurück über die unterhalb liegenden Einkaufspassagen, welche die drei markanten Hochhäuser aus Zeiten der DDR verbinden, der könnte Suhl und seine ereignisreiche Industriegeschichte verpassen.

Zwar finden sich in der Stadt ein Fahrzeug- und ein Waffenmuseum, deren Besuch ausdrücklich zu empfehlen ist. Meine persönliche Erfahrung ist aber, dass die vielen noch erhaltenen Überreste von Suhls langer Industriegeschichte viel besser an ihren originären Orten verständlich werden, an denen es bislang kaum museale Repräsentation und Aufarbeitung gibt. Da ist etwa der Ortsteil Heinrichs, in dem das riesige Gelände der ehemaligen Simson-Werke liegt. Die 150 Jahre Firmengeschichte lassen sich dort in ihren historischen Schichten abschreiten.

Die Stadt ist neben ihren »Suhler Waffen« für diese Firma berühmt. Hier hatte Mitte des 19. Jahrhunderts die jüdische Kaufmannsfamilie Simson begonnen, Waffen herzustellen, später Fahrräder, dann Automobile. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts war es die größte und wichtigste Fabrik am Ort. »Unten beim Jüd«, wie es hieß, arbeiteten halb Suhl und Umgebung. Das war noch so, als die Nationalsozialisten das Werk 1935 enteigneten und eines der größten Rüstungsunternehmen in Thüringen errichteten. Das war auch noch so, als die Sowjetunion hier eine Motorradfabrik bauen ließ und vor allem, als die DDR-Wirtschaftsplaner 1952 beschlossen, auf dem Fabrikgelände das heute wohl berühmteste Kleinkraftrad Deutschlands bauen zu lassen: den KR 51, auch bekannt als die »Schwalbe«.

Nach der »Wende«, im Jahr 1991, musste die Fahrzeugproduktion in Suhl eingestellt werden. Die Mokicks, Mopeds und Roller aus Suhl aber, die seit Jahrzehnten nicht mehr produziert werden, sind dennoch beliebter denn je und zu Tausenden zurück auf den Straßen – den Bastlern und Tüftlern sei Dank.

Schaubergwerk Uranerzbergbau Wismut

Schaubergwerk Uranerzbergbau Wismut (Quelle: ScottyScout )

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»Ich bin Bergmann, wer ist mehr?« – Uran-Bergbau bei Ronneburg

Beim Blick auf Fotos aus DDR-Zeiten von der Gegend um Ronneburg sind die spitz zulaufenden Abraumkegel nicht zu übersehen. Heute sind sie verschwunden, genauso wie die Fördergerüste der Schachtanlagen und auch die »Wismut« – das einstige deutsch-sowjetische Uran-Bergbauunternehmen.

Geblieben sind – neben kleinen Souvenirs wie Grubenlampen und Flaschen voller »Kumpel-Tod«, Deputatschnaps und grobem Werkzeug – nur die Erinnerungen der früheren Bergleute. Jahrzehnte der Ausbeutung der Uran-Lagerstätten unter Ronneburg haben ihre Spuren in der Landschaft und bei den Menschen hinterlassen: Schweißtreibende und gefährliche, zuweilen tödliche Arbeit unter Tage und härteste Bedingungen. All dies sieht und hört man bei einer Führung durch das »Schaubergwerk Uranbergbau WISMUT«. Hier führen ehemalige Kumpel durch das kleine Museum voller Objekte. Trotz der Fülle versucht das Museum, die umfangreiche Geschichte von Arbeit, Technik, Alltag und großer Politik hinter der »Wismut« anschaulich zu vermitteln. Die Wände des labyrinthischen Ausstellungsraumes zitieren den Holzausbau der Schächte und Stollen, überall steht gestern noch gebrauchtes Gruben-Gerät, das mit dem Ende des Uran-Bergbaus 1990 überflüssig wurde und damit heute Müll oder Artefakt ist.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann die Suche der sowjetischen Besatzer nach der »Pechblende«. Der Uran-Hunger der Sowjets folgte der Logik des Kalten Krieges, man war gegenüber den USA nach deren Atombombenabwürfen auf Japan ins Hintertreffen geraten. Zeitweise bis zu 130.000 Arbeiter beschäftigte die »Wismut« in Thüringen und Sachsen, davon auch tausende aus der Sowjetunion. Ronneburg war nach Förderumfang die wichtigste Erz-Lagerstätte. Die Kumpel waren junge Männer, bereit sich unter Tage mit Gestein und Plansoll zu messen. Erst lockten Privilegien wie Lebensmittelmarken und Obdach. Dann nach dem Ende der Nachkriegsnot die hervorragende Bezahlung, Urlaub in Zinnowitz und ein Auto ohne Wartezeit. Schattenseiten der Arbeit im Großbetrieb waren die Verrohung, der Alkohol und die Gewalt – so beschrieben von Werner Bräunig in seinem Roman »Rummelplatz«.

Mit der Expo 2000 erfolgte die »Revitalisierung der Uranerzbergbaufolgelandschaft Ostthüringen«. Die Sanierung des »Wismut«-Erbes ließ die »Neue Landschaft Ronneburg« entstehen. 2007 kam die Bundesgartenschau. Heute spazieren hier Touristen.

Jagd in der Region Gleichamberg

Jagd in der Region Gleichamberg (Quelle: Dr. Horst Sproßmann )

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Kulturlandschaftspflege durch Jagd in Thüringens südlichstem Forstamt

von Gastautor Lars Wollschläger

Lars Wollschläger leitet seit 15 Jahren das Forstamt Heldburg:

Wie fast überall in Mitteleuropa sind die Wälder in Thüringen über die Jahrhunderte durch den Menschen von einer Natur- zu einer Kulturlandschaft geformt worden. Die Waldflächen sind begrenzt und die klassische Waldwirtschaft wird von vielfältigen anderen Nutzungsformen, von Landwirtschaft bis Tourismus, berührt. Unsere Aufgabe als Forstamt ist es, all diese Nutzungen in Einklang zu bringen und Verhältnisse zu schaffen, unter denen der Wald wachsen, sich entwickeln und bewirtschaftet werden kann. Die artenreichen Mischwälder im Forstamtsbereich Heldburg sind beliebte Ziele für Ausflügler und Wanderer. Und neben der Waldwirtschaft, also dem Holzeinschlag, gehören natürlich auch Umweltbildung und Waldpädagogik zu unseren Aufgaben. Die Revierförster nehmen Schüler aller Klassenstufen mit auf Försterwanderungen, bei denen das Schulwissen über den Wald durch eigenes Erleben vor Ort vertieft wird. Die Entfremdung des Menschen von der Natur wird ja immer stärker.

Eine dienende Funktion für die Waldbewirtschaftung im Aufgabenbereich der Förster ist natürlich auch die Jagd. Das Wild, bei uns hauptsächlich Rehwild und Schwarzwild, hat keine natürlichen Feinde mehr und ohne eine Regulierung würden sowohl im Wald als auch auf den angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen große Schäden entstehen. Die Jäger sorgen dafür, dass die aus dem Gleichgewicht geratenen Populationen wieder auf ein Niveau gebracht werden, das die wirtschaftlichen und ökologischen Interessen in unserer Kulturlandschaft in Einklang bringt.

Während das Schwarzwild vor allem den Landwirten Ärger bereitet, gefährden Rehe und Rotwild die natürliche Verjüngungsfunktion des Waldes. Sie knabbern am liebsten die proteinreichen Knospen der jungen Bäume, bevor diese so weit heranwachsen können, dass sie keinen bleibenden Schaden mehr nehmen. Eine professionell ausgeführte Dezimierung der Populationen geht hier also Hand in Hand mit den Interessen des Naturschutzes. Die fach- und tierschutzgerechte Jagd ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, die alle Sinne fordert. Aus meiner Sicht ist es ein Privileg einen Jagdschein zu besitzen, dem die Jäger in unserem Gebiet sehr gut gerecht werden. Die Lizenz für den Jagdwaffenbesitz muss alle drei Jahre verlängert werden.

Bakuninhütte Meiningen

Bakuninhütte Meiningen (Quelle: Horst Puchta / Wanderverein Bakuninhütte )

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Die Bakuninhütte – Naturidyll und Kulturdenkmal der anarchistischen Gewerkschaftsbewegung

von Gastautor Kai Richarz

Kai Richarz ist Mitglied und im Vorstand des Wandervereins Bakuninhütte e.V.:

Aus Deutschland, anderen europäischen Ländern und sogar von Australien zieht es mittlerweile wieder Interessierte zur Bakuninhütte. Hauptsächlich hervorgegangen aus der damaligen, gewerkschaftlich organisierten Belegschaft des Meininger Eisenbahnwerkes, ist ihre fast 100-jährige Vergangenheit ein Spiegelbild des 20. Jahrhunderts. Ihre Besonderheiten liegen jedoch einerseits in der Ideenwelt der sie erbauenden Familien: Der sogenannte Anarchosyndikalismus ist eine anarchistische Gewerkschaftsbewegung mit weltweitem Einfluss. Zum anderen besticht der Ort durch die ihn umgebende idyllische Landschaft auf einer Waldlichtung mit weitem Ausblick.

Der Idee der »Gegenseitigen Hilfe« verpflichtet, erwarb und bewirtschaftete man gemeinschaftlich eine kleine Ackerfläche und teilte die Erträge solidarisch unter den beteiligten Familien auf. So konnte im Kleinen eine »von unten« organisierte Lösung für die existenzbedrohenden Versorgungsengpässe nach dem ersten Weltkrieg gefunden werden. Später errichteten die handwerklich geschickten Industriearbeiter auf ihrem Grundstück eine Schutzhütte, die sie nach dem russischstämmigen Revolutionär Michail Bakunin benannten. Sie verfügten über alle Fähigkeiten, um Gebäude und ausgefallene Spielgeräte – wie ein Kettenkarussell – selbstständig zu bauen. Schließlich entwickelte sich hier ein Ferien- und Schulungsheim für die anarchosyndikalistische Bewegung, bis dieses dem deutschen Faschismus zum Opfer fiel und auch unter der Herrschaft der autoritären Sozialisten nicht wieder aufleben konnte.

Wandert man zu Fuß von Meiningen zur Bakuninhütte, so kann man den Spuren des anarchistischen Dichters Erich Mühsam folgen, der sich dort mehrfach aufhielt, um Vorträge zu politischen Themen zu halten. Knapp eine Stunde geht es hierbei teils steil bergauf durch dichten Wald. Vom Bahnhof aus empfehlenswert ist die Strecke über die Berliner Straße, den Friedhof und die Ruine Donopskuppe. Hat man die nötigen Höhenmeter hinter sich gebracht, gelangt man über den alten Hütten-Weg, vorbei an der Cotta-Hütte zur Hohen Maas, der höchsten Erhebung dieser Region. Nur wenige Meter weiter lichtet sich der Wald und man steht am Beginn einer großen, artenreichen Magerwiese, in deren Mitte, verborgen durch ein paar hohe Bäume und Sträucher, die Bakuninhütte liegt.

Erfurter Blau - Färbewaid

Erfurter Blau - Färbewaid (Quelle: Almut Hermann )

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Das »blaue Gold« – Erfurt »Waid«

von Gastautorin Rosanna Minelli


Rosanna Minelli betreibt ihren eigenen Laden »Erfurter blau« auf der Erfurter Krämerbrücke:

Die recht unscheinbare kleine Pflanze Färberwaid – Isatis tinctoria – man könnte ihre Blüte leicht mit Raps verwechseln, begleitet mich schon seit Jahrzehnten. Als Restauratorin alter Gemälde und Dozentin für Maltechnologie und Farblehre faszinierte mich immer wieder der »Deutsche Indigo«, der über Jahrhunderte aus Thüringer Färberwaid gewonnen und in der Kunst genauso wie auch zum Blaufärben von Textilien genutzt wurde. Das Mittelalter war vermutlich ein blaues Zeitalter, Dank Thüringer Färberwaid.

In meinem Laden für Künstler- und Restauratorenbedarf kreist alles um dieses eine Blau, welches Erfurt als Zentrum des Waidhandels seit dem 9. Jahrhundert reich gemacht hat und dem die fortschreitende Industrialisierung des späten 19. Jahrhunderts ein Ende setzte. Was war passiert? Die Wissenschaften erzielten rasche Fortschritte und so entwickelte der deutsche Chemiker Adolf von Baeyer ab 1870 die Indigosynthese. Ab 1897 wurde künstlicher Indigo kommerziell von der BASF hergestellt. 1905 erhielt von Baeyer den Nobelpreis für Chemie.

Wobei der langsame Niedergang von Anbau und Handel des thüringischen Waid noch weiter zurückreicht, ins 17. Jahrhundert, bedingt durch den Dreißigjährigen Krieg. Bereits im 16. Jahrhundert hatte eine auch in den amerikanischen Kolonien angebaute Pflanze aus Indien – der echte Indigo – auf dem Weltmarkt um die Farbe Blau, dem Thüringischen Konkurrenz gemacht. Bis zum Ersten Weltkrieg war Indien der weltweit bedeutendste Indigo-Produzent. Hier kennt man die Pflanze schon seit Jahrtausenden. In El Salvador und Brasilien wird dieser »echte« Indigo – Indigofera tinctoria – heute noch angebaut.

Mit der Wende zum 20. Jahrhundert stieg der Bedarf an Indigo immens. Uniformen und Berufsbekleidung für Industriearbeiter waren blau. 1873 erfand der aus Franken stammendende amerikanische Industrielle Levi Strauss die bis heute so beliebte Jeans. Das Färben von Denim ist heute eine der hauptsächlichen Verwendungen von Indigo in der Textilindustrie. Apropos heute. Den Färberwaid gibt es wieder häufiger. Er hat nicht nur überlebt, sondern erfreut sich einer gewissen Beliebtheit – in meinem Laden und zur Restaurierung von Kirchen und Gemälden. Auch als Ökofarbe wird er nachgefragt und in Thüringen auch wieder angebaut.

Brendelsches Atelier Weimar

Brendelsches Atelier Weimar (Quelle: ScottyScout)

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Der »Geist« des Bauhaus im Brendelschen Atelier an der Universität Weimar

von Gastautorin Laura Jähnert

Laura Jähnert studiert Medienmanagement an der Bauhaus-Universität Weimar und koordiniert die Bauhaus.Botschafter:

Wir sind Studierende der Bauhaus-Universität in Weimar und in unserer Rolle als Bauhaus.Botschafter sind wir Ansprechpartner für alle, die sich überlegen, hier einige Zeit zu verbringen. Wir beantworten Fragen und geben Einblicke in das Studentenleben in Weimar. In einem Satz: Wir wollen das Besondere dieser Universität aus Sicht der Studierenden vermitteln.

Viele internationale Studierende kommen hierher, weil sie den Gedanken des Bauhaus am Gründungsort live erleben wollen. Dieser »Geist« lebt von der Verbindung von Theorie und Praxis, vom Austausch verschiedener Fachrichtungen und der Vernetzung untereinander. All das kann man heute immer noch auf dem Campus erfahren.

An dieser Universität wird aus einer Idee ganz schnell eine Umsetzung. Ich denke, auch das ist ein Erbe des Bauhaus. Ein Beispiel dafür ist »Die Lücke«. Ein Architekturstudent entdeckte den Leerraum zwischen zwei Lehrgebäuden und dachte sich »Das wäre cool, wenn der Platz genutzt würde«. Er entwickelte und baute im Rahmen seines Abschlussprojektes ein kulinarisch und baulich nachhaltiges Restaurant, das dann auch tatsächlich für mehrere Wochen in Betrieb war.

Ein Ort, an dem auch außenstehende Besucher diesen Geist erfahren können, ist das Bauhaus.Atelier mitten auf dem Campus. Das kleine, als Brendelsches Atelier bekannte Gebäude mit dem Glasdach ist Café, Info- und Verkaufspunkt gleichzeitig. Hier kommen Studierende zusammen, tauschen sich aus, vernetzen sich und planen in bester Bauhaustradition gemeinsam Projekte.

Auch wenn noch heute der Bauhausspirit in Weimar spürbar ist, wäre ich doch gern bereits zur Gründungszeit um 1919 vor Ort gewesen. Als das Bauhaus entstand, wusste man schließlich noch nicht, dass die Beteiligten Geschichte schreiben würden. Das Überwinden von gestalterischen Dogmen, ein generelles Umdenken in der universitären Lehre – all das mitzuerleben, stelle ich mir sehr spannend vor. Was für uns heute selbstverständlich ist, wurde damals erst entwickelt und ist für mich ein faszinierendes Kapitel deutscher Geschichte.

Zuckerfabrik Oldisleben

Zuckerfabrik Oldisleben (Quelle: Uwe Landes )

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Die Zuckerfabrik Oldisleben – Vergangenheit mit Zukunft

Wir stehen vor einem riesigen Industriedenkmal, einer ganzen Fabrik. Das Besondere: Noch zu Betriebszeiten wurde die Zuckerfabrik Oldisleben 1989 aufgrund des historischen und gut erhaltenen Fabrikgebäudes und ihrer zum Teil über 100 Jahre alten technischen Anlagen, auf die regionale Denkmalliste gesetzt.

Die letzte »Zuckerrübenkampagne«, so wird die Zeiteinheit während der Verarbeitung bezeichnet, wurde 1990/91 mit allerlei, damals schon längst historischen Geräten, »gefahren«. Über 6.600 Tonnen »Raffinade«, also Weißzucker wurden so produziert. Danach drohte die Schließung. Die »Wendezeit« und mit ihr ein veränderter Markt, neue Technologien und Konkurrenz hatten das Industriedenkmal als Produktionsort vollends überflüssig gemacht. Nach der Stilllegung wäre sicher der Abriss erfolgt. Lokales Engagement eines Fördervereins in Kooperation mit dem neuen Eigentümer Südzucker AG und ein offenes Ohr seitens der Denkmalbehörde konnten das verhindern und uns so eine bis heute intakte und begehbare Produktionsanalage als technisches Denkmal offen halten.

Die Geschichte der Zuckerfabrik Oldisleben beginnt schon vor ihrem Bau mit einer Zuckersiederei 1836. Die brennt ab und wird wieder aufgebaut, wird verkauft und ist schon recht bald veraltet. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts steigt der Zuckerverbrauch, so wird 1872 die Firma Röhrig & König mit der Errichtung einer neuen Fabrik beauftragt. Infolge des 1. Weltkriegs 1914 kommt die Zuckerindustrie nicht mehr voran. Für die Fabrik wertvolle Kupferrohre müssen ausgebaut und durch Eisenrohre ersetzt werden. Da die Zahl der Arbeitskräfte sinkt, werden Kriegsgefangene eingesetzt. Die Produktion in der Zwischenkriegszeit und bis nach dem Zweiten Weltkrieg stagniert. Erst 1948 geht es wieder aufwärts, als die Zuckerfabrik in Volkseigentum übergeht. Bei einer Tagesleistung von 600 Tonnen Rüben und einer Dauer von 121 Kampagne-Tagen, wird 1954 die stolze Zahl von 58.000 Tonnen Rüben verarbeitet. Die Arbeitsleistung der Maschinen und Mitarbeiter stieg stetig.

Deren Verdienst durch gute Pflege und der Mangel an Investitionen zu »DDR-Zeiten«, ließen die längst veraltete Zuckerfabrik als »eingefrorenes« und voll funktionstüchtiges Stück Technik überleben – Balancier-Dampfmaschine, Schwungrad, Einzylinder-Dampfmaschine, der Doppelkegel-Kalkofen. Hier gibt es die Vorfahren unserer heutigen Technik zu bestaunen!

Gera - Haus Schulenburg

Gera - Haus Schulenburg (Quelle: Sigrid Schädlich)

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Prachtvolle Villen – Zeugnisse einer hohen Industriekultur

von Gastautorin Karin Schumann

Die Autorin ist Mitarbeiterin der Gera-Information am Markt der Stadt:

Gera war über Jahrhunderte in Architektur und Stadtplanung vom Handwerk der Tuch- und Zeugwarenherstellung und der sich daraus entwickelnden Industrie geprägt. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 entstanden viele Textilbetriebe, Betriebe des Maschinen- und des Musikinstrumentenbaus, die entlang der »Lebensader« Geras, dem Mühlgraben und mitten in der Stadt errichtet wurden. Bereits 1859 erfolgte der Anschluss Geras an das Eisenbahnnetz. Die Stadt besitzt seit 1892 die zweitälteste Straßenbahn Deutschlands, auf deren Schienennetz zugleich auch der Güterverkehr vom Bahnhof in die Fabriken rollte.

Um 1900, als die Textil- und Maschinenbauwerke die Stadt prägten, repräsentierten Fabrikanten ihren Wohlstand auch mit dem Bau reich ausgestatteter Villen, die sie zuerst neben den Fabriken – zum Beispiel der Harmonika-Fabrik Späthe – errichteten. Später suchten sie sich geeignete Grundstücke in nicht »verrauchten« Stadtvierteln.

Der Historismus ist hier hervorstechend in der Architektur, aber auch das Bauhaus, Art Decò und die Neue Sachlichkeit sind stadtbildprägend. Gera ist die Stadt mit den meisten Baudenkmälern aus der Zeit des Bauhauses in Thüringen. Besonders beeindruckend: Die spannende Architektur von Thilo Schoder (Meisterschüler von Henry van de Velde). Er gilt als konsequentester Vertreter des Neuen Bauens in Thüringen. Von Traugott Golde, einem Industriellen, nach Gera geholt, verbrachte Schoder entscheidende Jahre seines Schaffens in Gera (1919-1932). Er plante 53 Bauten, Projekte oder Innenausstattungen im Stil der Moderne bzw. des Neuen Bauens.

Der belgische Architekt van de Velde konzipierte Haus Schulenburg 1913/14 als Wohnhaus der Familie Paul Schulenburgs, dem Besitzer einer Seidenwollweberei. Mit der Villa, der Inneneinrichtung und dem Garten schuf van de Velde ein Gesamtkunstwerk von internationaler Bedeutung. Haus Schulenburg wurde von seinem jetzigen Eigentümer nach originalen Bauplänen detailgetreu rekonstruiert und beherbergt ein Privatmuseum mit einer weltweit anerkannten Sammlung von Buchgestaltungen, originalen Möbeln, Architekturentwürfen, Stoffmustern und Veröffentlichungen van de Veldes.

Harzquerbahn Thüringen

Harzquerbahn Thüringen (Quelle: Archiv Harzer Schmalspurbahnen )

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Die Harzquerbahn – ein technisches Denkmal auf Schienen

Die von 1897 bis 1899 in verschiedenen Etappen durch die Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn Gesellschaft (NWE) eröffnete Harzquerbahn bildet heute, gemeinsam mit der Selketal- und der Brockenbahn, das etwa 140 Kilometer umfassenden Streckennetz der Harzer Schmalspurbahnen GmbH (HSB). Mit dem Bau der Strecke von Nordhausen nach Wernigerode sollten zwei Ziele erreicht werden: Die Beschleunigung des Warentransports von Industriegütern und die Entwicklung des Tourismus. Beides ist gelungen.

Hier werden bis heute Güter befördert, aber vor allem ist die Bahn eine Touristenattraktion. Mehr als eine Million Fahrgäste pro Jahr entdecken auf den 1.000 mm breiten Schienen die Naturschönheiten im Harz. Auf den rund 60 Streckenkilometern zwischen Nordhausen (Thüringen) und Wernigerode (Sachen-Anhalt) führen die Gleise über Brücken und Tunnel, die von den bautechnischen Herausforderungen bei der Errichtung einer Eisenbahnstrecke durch ein Gebirge zeugen.

Die erlebnisreiche Fahrt beginnt am repräsentativen Empfangsgebäude in Nordhausen Nord. Von Ilfeld, dem gebirgigen Tor des Südharzes, führt die Strecke bis Beneckenstein und weiter über Hochebenen, am Brocken vorbei nach Wernigerode. Kurz vor der Landesgrenze nach Sachsen-Anhalt, am Trennungsbahnhof Eisfelder Talmühle zweigt die Selketalbahn Richtung Hasselfelde und Quedlinburg ab. Hier ist im Sommer regelmäßig die eindrucksvolle Doppelausfahrt von zwei Dampfloks zu erleben.

Seitdem sich im Juli 1897 zum ersten Mal für einen Zug die grüne Kelle in Nordhausen hob, wird diese Eisenbahnstrecke durchgehend mit dampfbespannten Zügen befahren. Die HSB nutzt 25 Dampflokomotiven, darunter die älteste deutsche Gelenklokomotive von 1897 und zwei weitere, um die Jahrhundertwende gebaute Malletlokomotiven mit zweigeteiltem Triebwerk für kurvige Bergstrecken. Zusätzlich werden Dampfloks aus den 1950er-Jahren eingesetzt.

Aber es gibt auch einen modernen Fuhrpark, zum Beispiel für die Einbindung der Bahn in den Stadtverkehr Nordhausen. Bis nach Ilfeld nutzt eine dieselelektrische Straßenbahn die Gleise. Und auch mit neuen innovativen Techniken zur Streckensicherung ist das technische Denkmal Harzquerbahn im 21. Jahrhundert angekommen.

Hammerschmiede Asbach - Walter Eff

Hammerschmiede Asbach - Walter Eff (Quelle: Martina Reimann )

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Familiengeschichte unterm Hammer in Asbach

von Gastautor Peter Eff

Der Autor und sein über 80-jähriger Vater Walter Eff pflegen und restaurieren den Familienbetrieb, die historische Hammerschmiede in Asbach:

Die Hammerschmieden in unserer Region waren früher das dominierende Gewerk. Vor 1900 gab es circa 80 Hammer- und 90 Nagelschmieden in Asbach. Die hier hergestellten Eisenwaren gehörten zu den bekannten »Schmalkalder Artikeln« und wurden in alle Welt geliefert. Die Schmieden, auch Kleinfeuerstätten genannt, waren meist Familienbetriebe. Wer hier arbeitete, führte ein karges Leben. Nur mit einer zusätzlichen kleinen Landwirtschaft konnte man überleben.

Um 1900 errichtete mein Urgroßvater Johannes Eff neben dem Wohnhaus eine Hammerschmiede. Am Anfang schmiedete er in reiner Handarbeit. Später erleichterte ein Elektromotor die schwere körperliche Arbeit. Über Transmissionen, die noch heute zu sehen sind, wurden die verschiedensten Fallhämmer, Lufthämmer, Pressen, eine »Schleifscheuer« und Schleifböcke sowie Ventilatoren zum Absaugen der Luft beim Lackieren oder zum Schüren des Schmiedefeuers angetrieben. Hergestellt wurden Hämmer für verschiedenste Berufe, zum Beispiel Schlosser-, Uhrmacher- oder Schuhmacherhämmer.

1936 übernahm mein Großvater Karl Eff zusammen mit seinem Bruder die Schmiede. Dieser überlebte den Krieg nicht und Karl arbeitete allein weiter. Mein Vater Walter stieg nach der Ausbildung zum Maschinenschlosser in der damaligen Werkzeugunion Steinbach-Hallenberg 1955 in den Familienbetrieb ein.

1960 schlossen sich die Asbacher Hammerschmiede zu einer Produktionsgenossenschaft des Handwerks zusammen. Daraus entstand – nicht freiwillig – 1972 der »Volkseigene Betrieb Werkzeuge und Sicherheitsbeschläge«. Aufgrund der besonderen handwerklichen Spezialisierung produzierte mein Vater in seiner Schmiede weiter und konnte den Betrieb 1982 wieder privatisieren. Die geringen Stückzahlen der hier hergestellten Hämmer waren für die volkseigenen Betriebe uninteressant geworden.

Seit 1993 ist die Hammerschmiede ein technisches Denkmal, welches in den vergangenen Jahren gepflegt und restauriert wurde. Interessierte Besucher können hier traditionelle Schmiedevorführungen erleben. In der früheren Waschküche neben der Schmiede haben wir mit Hilfe des Thüringerwald-Vereins Asbacher Berge und Umgebung e.V. eine Ausstellung eingerichtet.

Automobilwerk Eisenach

Automobilwerk Eisenach (Quelle: Opel Eisenach )

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Opel Eisenach – »Ersthelfer« am Traditionsstandort der Automobilindustrie

von Gastautorin Barbara Pinkepank

Barbara Pinkepank hat bis 1990 im Automobilwerk Eisenach gearbeitet und die Standortentwicklung für das neue Opelwerk miterlebt:

Der in den 1980er-Jahren zur Steigerung der Produktivität begonnene Werksneubau des Automobilwerks Eisenach (AWE) am westlichen Stadtrand war zur »Wende« noch nicht ganz abgeschlossen. Nur der Rohbau war weitestgehend fertiggestellt und ein Teil der Fertig- und Endmontage stand bereits. Dem damaligen AWE-Leiter Wolfram Liedtke ist es zu verdanken, dass Verhandlungen mit dem Opel-Vorstand aufgenommen wurden. Trotz erheblicher Widerstände der AWE-Werker begann die Opel AG bereits frühzeitig mit Standortuntersuchungen am Hauptwerk, wie auch am Betriebsteil Gries.

Im Ergebnis zeigte Opel Interesse für die Weiterverwendung und Erweiterung des halbfertigen Betriebsteils Gries. So wurde bereits im März 1990 die Zusammenarbeit zwischen dem AWE und der Opel AG mit einem Joint-Venture-Vertrag vereinbart und der Bau eines Opelwerkes in Eisenach beschlossen. Das war der Start für eine gemeinsame Vectra-Montagelinie. Der erste in Eisenach hergestellte Opel Vectra verließ am 05.10.1990 im Beisein von Bundeskanzler Kohl die Endmontage.

Nach nur zwei Jahren Bauzeit nahm im September 1992 das neue Opel-Werk in Eisenach die Produktion auf und der erste in Eisenach gefertigte Opel Astra rollte vom Band. Fast zeitgleich erfolgte die Abwicklung des AWE am innerstädtischen Standort. Der letzte Wartburg verließ im April 1992 das Werk. Der schrittweise Rückbau begann.

Etwa jeder siebte Mitarbeiter des AWE wurde durch ein spezielles Auswahlverfahren und nach Einarbeitung im Hauptwerk in Rüsselsheim von Opel übernommen. Doch auch die Privatisierung von ehemals zum AWE gehörenden Teilbereichen, wie der Getriebe- (heute Mitec) oder die Pressteilherstellung (heute Benteler) erhielt zusätzlich Arbeitsplätze. Und ebenso zogen die von Opel genutzten Subunternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet, so auch Planungs- und Ingenieurbüros, nach und nahmen Kontakt zu Fachkräften des Eisenacher Automobilwerks auf. Damit wurde es möglich, weiteren AWE-Werkern neue Arbeitsstellen zu verschaffen.

Neben der Produktion des Opel Vectra vor, und des Opel Astra nach Eröffnung des neuen Werkes, werden heute in Eisenach der Opel Corsa und der Opel Adam produziert. Bei einer Werkstour kann man einen Blick hinter die Kulissen der Produktion werfen.

Alte Fabrikgebäude der Wolltuchfabrik in Neustadt an der Orla

(Quelle: )

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Von der VEB-Kantine zum Kulturort – »Wotufa« in Neustadt an der Orla

von Gastautorin Tina Wöhrl

Tina Wöhrl ist seit 1996 live hinter der Bar der »Wotufa« zu erleben:

Es kommt ja bekanntlich auf die inneren Werte an. Was sich drinnen dem Publikum eröffnet, hat unweigerlich Charme. »Wotufa« – das ist die Abkürzung für Wolltuchfabrik, die hier bis zur »Wende« Decken produzierte und zuvor unter Tuchfabrik August Zenker firmierte. Vielleicht liegt ja genau solch eine Wolldecke auf eurem Sofa! An die Wolltuchfabrik erinnert ein riesiges Wandbild von Hans Krämer, das die Geschichte der regionalen Wolltuchindustrie zeigt.

Das Tuchmacherhandwerk prägt die Stadt seit dem 13. Jahrhundert. Im Jahr 1852 treibt Neustadts erste Dampfmaschine in der Tuchfabrik Küntzel mechanische Webstühle an. Die Stadt wird industrialisiert. Innerhalb des Folgejahrzehnts kommen die Telegrafenstation, eine Straßenbeleuchtung und 1871, der Anschluss an die Eisenbahn hinzu. 1882 eröffnet das Kaiserliche Postamt und 1884 führt die Lederfabrik Richard Krahner die elektrische Beleuchtung ein. Kurz vor der Jahrhundertwende wird die Tuchmacherinnung aufgelöst und in Neustadt/Orla gibt es sieben große Tuchfabriken, 22 große Lederfabriken, 15 kleine Lederfabriken und zwei Kratzenfabriken. Letztere rauen Gewebe wie Biber oder Molton auf. 1913 streiken die hiesigen Textilarbeiter für eine 58-Stunden-Woche und eine zehnprozentige Lohnerhöhung. 1948 werden in der sowjetischen Besatzungszone viele Betriebe verstaatlicht.

Die Kantine des VEB Woll- und Tuchfabrik dient heute als Kultursaal. Hier finden urige Blueskonzerte, Punk- und Metalevents, Liedermacherauftritte, Electro-Veranstaltungen und auch der Neustädter Fasching statt. Genau dieses breite Repertoire ist auch das Erfolgsrezept. Bereits seid 1996 ist Dirk Pasold der Pächter des Saals. Es ist viel Arbeit, das Objekt am Laufen zu halten, möchte er doch Kultur in die Provinz bringen. Seit seiner Jugend organisiert Pasold Live-Konzerte. Als er vor über 20 Jahren den Saal zur Pacht angeboten bekam, war es der unsichere Schritt in die Selbstständigkeit, aber auch die Erfüllung eines Traums.

Seitdem gab es hier unzählige Konzerte, finden Bands eine Bühne für ihre Kunst, für ihre »Message« und die Zuschauer fühlen sich gut unterhalten. Gäste, die es in der Nacht nicht mehr nach Hause schaffen, bekommen am Morgen oft noch Frühstück. Es ist gerade das nicht so Exakte, eben das Urige, das die »Wotufa« ausmacht.

Denkmal Johannes Daniel Falk

Denkmal Johannes Daniel Falk (Quelle: ScottyScout )

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Das Erbe Johannes Falks in Weimar – soziales Engagement für Mitmenschen

von Gastautor Paul Andreas Freyer

Der Autor ist Vorsitzender des Johannes Falk e.V. in Weimar:

Jedes Jahr am 28. Oktober – dem Geburtstag von Johannes Daniel Falk (1786-1826) – zieht der »Johannes-Umzug« durch Weimar: Vom Falk-Denkmal am Graben geht es mit Lampions, Lichtern und Laternen zum Lutherhof, dem Marktplatz und in die Schillerstraße. An den historischen Stätten erfahren die Besucher Interessantes und Wissenswertes über den Urvater der Inneren Mission. Zum Abschluss erklingt die Originalversion seines Dreifeiertagsliedes »O, du fröhliche«.

Im kleinsten musealen Raum der Stadt, in der Luthergasse 1A, wird an den Mann erinnert, der von Danzig über Halle nach Weimar kam. Es lohnt sich mehr zu erfahren, denn die Ideen und Ideale des Schriftstellers, Satirikers und Sozialreformers sind auch heute noch aktuell. Zum Ende der napoleonischen Kriege – ab 1813 – kümmerte sich Falk besonders um Kriegswaisen. So gründete er eine Sonntagsschule. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen lernten die Kinder dort auch Bibeltexte, christliche Lieder und Texte aus dem Katechismus von Luther.

Letzten Endes war Johannes Falk ein Mitentwickler, wenn nicht gar der Erfinder der modernen Jugendsozialarbeit. Hilfe zur Selbsthilfe stand bei ihm ganz oben auf der Prioritätenliste: »Kindern denen man beibringt Schlösser zu fertigen, werden diese nur schwerlich erbrechen.« Falk war überzeugt von seinem Konzept und die Waisenkinder in seinem Institut fühlten sich tatsächlich gut aufgehoben, denn alles geschah »ohne Kette, ohne Zwang, ohne Schläge bei völlig unverschlossenen Türen und Toren. Sie können alle davonlaufen, aber es läuft keiner davon.«

Ganz im Sinne seines Namensgebers initiiert und begleitet der Johannes Falk e.V. heute soziale Projekte: Kinder aus sozial schwachen Familien können zu Sommerfreizeiten fahren, es wird Hilfe bei Hausaufgaben angeboten oder der Musikunterricht finanziert.

Tradition hat auch das von Sponsoren unterstützte Projekt »Weihnachten bei Sophie«. Den heiligen Abend am 24. Dezember feiern der Johannes Falk e.V. und die Tafel Weimar zusammen mit Menschen, die sonst niemanden haben. Ein Weihnachtsabend im Sinne Falks, mit traditionellen Liedern, einem Festessen und einer Tombola. Unser Motto: »Keiner bleibt einsam, wir feiern gemeinsam«.

Papiermuseum Fockendorf

Papiermuseum Fockendorf (Quelle: ScottyScout )

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Papier aus Fockendorf und seine Geschichte

von Gastautor Frank Heinzig

Der Autor ist Vorsitzender des Traditionsvereins Papierfabrik Fockendorf e.V. und war über 40 Jahre in der Papierindustrie tätig:

Fockendorf liegt ganz im Osten von Thüringen im Altenburger Land. 1272 wurde es erstmals urkundlich erwähnt. Eine weitere Niederschrift aus dem Jahr 1445 rührt vom Verkauf der Fockendorfer Mahlmühle her, die im Laufe der Zeit mehrmals den Besitzer wechselte. 1690 wurde die Mühle nach einem kaltblütigen Mord – der Müllerbursche tötete den Müller, weil er dessen Frau begehrte – an einen Altenburger Amtmann und Hofrat verkauft.

Der neue Besitzer ließ die alte Mühle abreißen und zwei neue bauen, eine Mahl- und eine Papiermühle. So begann ab 1692 die Papierherstellung als rein manuelles Handwerk. Im Handschöpfverfahren wurde Büttenpapier hergestellt. Ab 1861 begann in Fockendorf die maschinelle Produktion. Schnell entstand hier eine der größten und modernsten Papierfabriken in Mitteldeutschland. 1885 ging die damals größte Papiermaschine Europas in Betrieb. In dieser Zeit wurden Schreibpapier sowie Zeitungs- und Buchdruckpapier für verschiedene Druckverfahren hergestellt und bis nach Südamerika und Indien exportiert.

1946 wurde die Papierfabrik Fockendorf total demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht. Aber schon drei Jahre später ging hier wieder eine Papiermaschine in Betrieb. Es war die erste, die in der Ostzone neu in Gang gesetzt worden war, allerdings eine aus gebrauchten Teilen verschiedener Herkunft. Aber sie funktionierte.

Noch bis 1993 wurde hier Kraftpapier für Säcke und Tragetaschen hergestellt. Nach dem Ende der Produktion gründeten 1996 engagierte Papierwerker/innen den Traditionsverein Papierfabrik Fockendorf e.V., um die über dreihundertjährige Geschichte der Papierherstellung des Ortes zu bewahren. Die Gemeinde kaufte das Fabrikgelände und 2004 konnte das Papiermuseum eröffnet werden.

Hier werden manuelle und maschinelle Techniken der Papierherstellung vorgeführt. Im Freilichtmuseum sind ein funktionierendes Wasserkraftwerk mit einem neuen Wasserrad sowie diverse Maschinen zu sehen. Historisch interessant und einzigartig in Thüringen sind unsere Sammlung handgeschöpfter Papiere mit Wasserzeichen und die umfangreiche Bibliothek zum Thema Papier(geschichte).

Glasapparatemuseum Cursdorf

Glasapparatemuseum Cursdorf (Quelle: ScottyScout )

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Labor des 19. Jahrhunderts – Historisches Glasapparatemuseum Cursdorf

von Gastautorin Silvia Eilhauer

Die Autorin arbeitet im Museum in der Gemeindeverwaltung Cursdorf:

Hier in Cursdorf und unserem Nachbarort Neuhaus am Rennweg kann man mehr über die Geschichte und die Köpfe der Glastechnik – alle beeinflusst von Heinrich Geißler, einem Pionier des Glasapparatebaus im 19. Jahrhundert – erfahren.

Die handwerkliche Kunst der Thüringer Glasbläser war ein Segen für die Wissenschaftler in den expandierenden Industrie- und Universitätsstädten. Heinrich Geißler und seine Schüler entwickelten zuerst Laborgeräte, welche die chemische Untersuchung von Gasen und neue Entdeckungen in der Physik (Ionen- und Röntgenstrahlung oder der Elektrizität) ermöglichten.

Die Thüringer Glasbläser gründeten auch eigene Unternehmen: 1876 machte sich Robert Götze, ein Schüler Geißlers und geborener Cursdorfer, in Leipzig mit einer Glasbläserei selbständig. Götze war Partner früher Röntgenpioniere und wurde bald einer der gefragtesten Röhrenhersteller in der Frühzeit der »neuen Strahlen«. Um 1890 holte Götze seine Neffen Otto und Rudolf Pressler zur Ausbildung von Cursdorf nach Leipzig. Aus Lehrlingen wurden erst fähige Mitarbeiter und dann selbständige Unternehmer in Leipzig und auch wieder hier im heimatlichen Cursdorf. Die beiden Firmen machten sich auf den Gebieten der Thermometrie, der Röntgentechnik, der Gasentladungsphysik und der Fotoelektronik sowie als Lehrmittelhersteller weltweit einen Namen.

Zu DDR-Zeiten wurden diese Unternehmen dem Glühlampenhersteller NARVA angegliedert, produzierten aber weiterhin hochwertige Glasapparate. Viele Cursdorfer sind durch ihre früheren beruflichen Tätigkeiten der Glasverarbeitung eng verbunden. Unser Wunsch war es, dieses Wissen und die von verschiedenen Firmen übernommenen historischen Glasapparate (darunter auch Unikate) der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Diese Geräte sind heute Mittelpunkt der Ausstellung im historischen Glasapparatemuseum im Dorfgemeinschaftshaus. Hier können die Besucher seit 1999 anschaulich und abwechslungsreich den Werdegang und die Funktion von physikalischen Glasapparaten für die Lehre und Forschung besichtigen und durch Vorführungen erleben. Außerdem sind moderne Nachbildungen und historisch wertvolle Geräte, zum Beispiel aus der Bonner Werkstatt Heinrich Geißlers zu sehen, welche uns von der Universität Bonn zur Verfügung gestellt wurden.

Museum Geißlerhaus - Neuhaus am Rennweg

Museum Geißlerhaus - Neuhaus am Rennweg (Quelle: André Richter / Museum Geißlerhaus )

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Heinrich Geißler – Glashandwerker und Impulsgeber der Wissenschaft

von Gastautor Prof. Dr.-Ing. Günter Dörfel

Der Autor, geboren in Cursdorf, lebt seit 1957 in Dresden. Er arbeitet im Förderverein Museum Geißlerhaus und im Beirat des Cursdorf.

Als der berühmte Glasinstrumentenbauer Dr. Heinrich Geißler, 1814 im heute zu Neuhaus gehörenden Igelshieb geboren, 1879 in Bonn starb, widmete die Deutsche Chemische Gesellschaft ihrem Mitglied einen warmherzigen Nachruf:

»Geissler hat die Kunst, das Glas vor der Lampe zu formen, zu einer Vollendung gebracht, welche keiner seiner Vorgänger erreicht hat, und in welcher er, obwohl er treffliche Schüler erzogen hat, so bald nicht übertroffen werden dürfte.« Und sie würdigte sein »hervorragendes constructives Talent«, dem »gründliche physikalische Kenntnisse« zur Seite gestanden hätten.

Geißler schuf mit seinen thermometrischen, barometrischen und anderen chemisch-physikalischen Gerätschaften bahnbrechende Beiträge zum Aufschwung des wissenschaftlichen Gerätebaus. Am nachhaltigsten wirkten seine Impulse zur Entwicklung der Gasentladungsphysik. Leucht-, Rundfunk- oder Röntgenröhren sind als Erzeugnisse eines industriellen Zeitalters mit den Vorleistungen Geißlers und seiner »trefflichen Schüler« eng verknüpft.

In einer Heimarbeiterfamilie geboren wurde er schon als Kind zum Perlenmacher ausgebildet. Vom Vater auf die Bedeutung des Instrumentenbaus hingewiesen, sammelte er erste Erfahrungen in München, Den Haag oder Bonn, wo er ab 1853 arbeitete. Die Zusammenarbeit mit führenden europäischen Gelehrten, insbesondere mit dem Bonner Mathematiker und Physiker Julius Plücker, machte ihn weltweit bekannt. Plücker war es auch, der den Begriff »Geißlersche Röhren« als Gattungsbegriff für die von Geißler perfektionierten Gasentladungsröhren einführte.

Die Stadt Neuhaus am Rennweg erinnert mit einem Museum in Geißlers Geburtshaus an ihren berühmtesten Sohn, an die Wirkung seiner Schule und die Entwicklung der Glasverarbeitung in Südthüringen. Gezeigt werden historische Instrumente aus Geißlers Werkstatt sowie Werkstattausrüstungen. Denen werden moderne Erzeugnisse gegenübergestellt, unter anderem auch kunstvolle, dekorative Geißlerröhren im Betrieb. Das Museum Geißlerhaus ist historisch und inhaltlich eng verbunden mit dem im benachbarten Cursdorf.

Ausstellung Auswanderung im Stadtmuseum Gera

Ausstellung Auswanderung im Stadtmuseum Gera (Quelle: Stadtmuseum Gera )

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Auswanderergeschichten aus Thüringen: Kann die Fremde zur Heimat werden?

von Gastautor Matthias Wagner

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stadtmuseum Gera:

Was trieb Menschen immer wieder in die Ferne? Was bewog sie, ihre Heimat zu verlassen und vielleicht nie wiederzukehren? Warum zog es andererseits Menschen aus fremden Kulturkreisen hierher?

Die Beweggründe des Geraers Walter Stötzner für seine langjährigen Reisen durch Asien waren sicher ganz persönliche: Neugier und Forscherdrang lockten den Entdecker in weitgehend unerschlossene Gebiete, unter anderem nach Tibet und das nördliche China. Zwischen 1907 und 1930 unternahm Stötzner fünf Expeditionen, kartografierte die bereisten Gebiete, entdeckte unbekannte Tierarten und betrieb völkerkundliche Studien.

Persönliche Neugier war jedoch eher die Ausnahme für den Aufbruch ins Unbekannte. Oft waren es politische Entwicklungen und Entscheidungen, die Wanderungsbewegungen auslösten oder mit Gewalt veranlassten. So führten Glaubenskriege in Europa seit dem 16. Jahrhundert zu Diskriminierung und Ausweisung Andersgläubiger. Kolonisationsprojekte, die im 18. Jahrhundert die Weiten Ostpreußens und Russlands bevölkern sollten, zogen Verarmte, Verfolgte und Abenteurer aus ganz Europa an, so auch den Geraer Zeugmacher Christian Gottlob Züge.

Die Kolonialpolitik des wilhelminischen Kaiserreiches führte ab 1884 zum Einsatz deutscher Zivil- und Militärbehörden in Afrika und der Südsee. Die etwa 11 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene schließlich, welche ab 1944 die ehemaligen deutschen Ostgebiete verließen, sind eine direkte Folge nationalsozialistischer Politik in Deutschland.

Die aktuelle Sonderausstellung des Stadtmuseums Gera »Fremde in der Heimat – Heimat in der Fremde?« stellt persönliche Schicksale in den Mittelpunkt, zeigt die Auswirkung der »großen« Politik auf das Handeln und den Lebensweg des Einzelnen. Die entstandene Themenvielfalt ist erstaunlich. 14 Kapitel erzählen unter anderem von den einwandernden Deutschen im 12. Jahrhundert, von Glaubensflüchtlingen, der Auswanderung nach Amerika, der Eroberung von Kolonien, von Kriegsgefangenschaft, Zwangsarbeitern, Künstler- und Entdeckungsreisen bis hin zum hoch problematischen Umgang mit dem Volk der Roma.

Museumsbrauerei Schmitt Ilmtal

Museumsbrauerei Schmitt Ilmtal (Quelle: ScottyScout )

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Museumsbrauerei Schmitt in Singen – ein »Getränkeausflug« ins Ilmtal

von Dr. Ulrich Pinkepank

Der Autor ist Bierliebhaber und Fan der Technik alter Brauanlagen:

In Singen, einem kleinen Ort im Ilmtal, soll die kleinste Brauerei Thüringens liegen, sagt man sich. Nach einem kurzen Fußweg durch den Ort findet sich die Brauerei Schmitt, wie könnte es anders sein, am Brauereiweg. Die Familienbrauerei besteht seit 130 Jahren und ist seit 1976 ein technisches Denkmal. Auch zu DDR-Zeiten wurde sie als privates Familienunternehmen geführt.

Mit der Industrialisierung hielten in das Brauereiwesen Dampfmaschinen Einzug. Auch Richard Schmitt modernisierte damals sein Unternehmen, um konkurrenzfähig zu bleiben. 1904 schaffte er einen Dampfsparmotor und 1911 den Bierfilter mit Pumpe an. Der nun bereits über 100 Jahre alte Maschinenpark ist bis heute fast vollständig im Original erhalten und in Betrieb! Ob das edle Hopfengetränk, das hier immer noch einmal wöchentlich gebraut wird, auch schmeckt?

Gebraut wird in althergebrachter handwerklicher Weise, neuerdings auch Bockbier. Daher ist hier – besonders im Oktober – immer sehr viel los. Nebenbei war zu erfahren, dass viele Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Medien aus Ost wie West zu den Fans des Singener Bieres gehören. Der jährliche Ausstoß der Brauerei beträgt etwa 800 bis 1.000 Hektoliter, so die Brauerei. Der Hopfen kommt aus drei verschiedenen Regionen, unter anderem aus Halle und Würzburg. Das Ergebnis ist ein klares, hellgelbes und leicht herbes Bier.

Nach einer Wanderung im Ilmtal empfiehlt es sich, im fast ganzjährig geöffneten Biergarten der Brauerei die Gerstensäfte zu probieren. Beliefert werden damit Gasthäuser in der Umgebung und es gibt einen Direktverkauf in der Brauerei. Diese liegt zwischen zwei großen Teichen und einer Sandsteinfelsgruppe. Das Wasser der Teiche diente nach Aussagen eines Mitarbeiters bis Ende der 1960er Jahre im Winter zur Eisgewinnung und im Sommer zur Kühlung der Bierfässer. In den direkt angrenzenden Felsen wurden zur Lagerung der Fässer und Flaschen aus kühlem Grunde Bierkeller gehauen.

Von der Museumsbrauerei gelangt man über einen unbefestigten Fußweg zur Gaststätte »Zum Singer Berg«, Hier kann man im ländlich eingerichteten Gasthaus Thüringer Küche genießen und dazu selbstverständlich Biere der Brauerei Schmitt trinken, die auf dazugehörigen Bierdeckeln, zum Teil historisch noch aus DDR-Zeiten erhalten, serviert werden.

Wasserburg Heldrungen

Wasserburg Heldrungen (Quelle: DJH Landesverband Thüringen )

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Hagebutte 4.0 – Jugendherbergen in Thüringen

von Gastautorin Barbara Einwag

Die Autorin ist Marketingleiterin der Jugendherbergen in Thüringen:

Die Entstehung der Jugendherbergen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist eng mit der damals erstarkenden Jugendbewegung verbunden. Jugendliche Wandervögel wollten raus aus den stickigen Städten, zurück zur Natur und einem einfachen, lustvollen Leben. Vor allem junge bürgerliche Städter verstanden im gemeinsamen Naturerleben und dem romantischen Rückgriff auf überlieferte Kulturgüter und Sitten ein Gegenstück zum Leben im Moloch Stadt. Durch gemeinsames Wandern und Singen althergebrachter Volkslieder, die unmittelbare Geselligkeit in einfachem Ambiente, versuchten sie, den negativen Auswirkungen von Verstädterung und Industrialisierung wie Vereinsamung oder Umweltverschmutzung, zu entfliehen. Jugendherbergen waren von Anfang an eng mit diesen reformpädagogischen Ideen verbunden. Als Netzwerk schlichter Häuser und Hütten mit der Möglichkeit zu ungezwungenem Zusammensein, boten sie Gemeinschaft und unmittelbare Naturerfahrung.

Die ersten Jugendherbergen in Thüringen gab es in Hildburghausen und auf der Leuchtenburg. Heute gibt es im Nationalpark Hainich am Harsberg das »Urwald-Life-Camp« mit Baumhäusern und Tipis oder in der Nähe des Kyffhäusers die Jugendherberge »Wasserburg Heldrungen« im historischen Gemäuer (siehe Bild).

Mit zunehmender Verbreitung des »jungen« Wandertriebs wuchs auch die Zahl der Jugendherbergen. 1911 gab es bereits 17 solcher Unterkünfte, 1921 etwa 1.300 und 1928 rund 2.200. Sie hatten häufig große Schlafsäle und kleinere Zimmer für die Betreuer. Heute gibt es weltweit gut 4.000 Häuser in rund 90 Ländern auf dem Land und in der Stadt. Unsere Werte vertreten wir noch immer.

Als Jugendwanderverband fühlen wir uns unter dem Motto »Gemeinschaft erleben« unserer Tradition verbunden. Heute nennen wir das »Bildung für nachhaltige Entwicklung« oder »Erlebnispädagogik«, unsere Gäste sind unsere Mitglieder: Schulklassen, junge Aktivreisende, Seminargruppen, Backpacker, Familien. In unseren Jugendherbergen finden sie Atmosphäre und leckere Buffets zu moderaten Preisen. Sie befinden sich in toller Landschaft wie dem Thüringer Wald, bunten Städten wie Weimar oder historischen Mauern wie auf Schloss Windischleuba. Hagebuttentee gibt’s auf Wunsch noch immer, gebucht aber wird übers Internet.

1. Deutsches Bratwurstmuseum Holzhausen

1. Deutsches Bratwurstmuseum Holzhausen (Quelle: Freunde der Thüringer Bratwurst e.V. )

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Vom Hackebeil zum Kutter – Deutsches Bratwurstmuseum Holzhausen

von Gastautor Uwe Keith

Der studierte Betriebswirt ist Geschäftsführer des Herkunftsverbandes Thüringer und Eichsfelder Wurst und Fleisch e.V.:

Die Herstellungstechnologie von Würsten in Deutschland hat sich mit den Entwicklungen des Handwerkes und der Industrie stetig verändert. Seit Jahrhunderten weiß die Menschheit, dass die Wurst etwas Einzigartiges ist. Mit nahezu kultiger Verehrung wird sie rund um den Erdball betrachtet. Von der Blutwurst bis zur Weißwurst, von den Frankfurtern bis zur Salami – die Anzahl an Wurstsorten allein in Deutschland ist groß, über 1.500 sind es an der Zahl. Jede Sorte hat ihre eigene Geschichte und ihre regionale Verwurzelung, ihre Heimat.

Die Art und Weise Fleisch zu zerkleinern und in Därme zu füllen hat sich mit den Jahrtausenden und der Entwicklung von Werkzeugen stetig verändert, aber nach wie vor gibt es zwei wichtige technologischen Schritte bei der Wurstherstellung: Das Zerkleinern des Fleisches zu Brät und das Füllen des Bräts in die Därme.

Es ist anzunehmen, dass die ersten Würste mit auf Steinen zerstoßenem Fleisch von Hand in die Därme gestopft wurden. Mit der Nutzung von Bronze und Eisen kamen Messer und auch Beile in Gebrauch und Fleisch wurde fortan gehackt. Dies lebt heute noch in den Begrifflichkeiten, wie »Gehacktes« oder »Hackepeter« fort, obwohl schon lange kein Metzger das Fleisch mehr hackt.

Aus dem Mittelalter sind die Verarbeitung des Fleisches mit kleinen Wiegemessern und das Füllen des Darmes mit Hilfe eines Trichters bekannt. Im vorindustriellen Zeitalter hielten dann große zwei-, drei- oder vierschneidige Wiegemessern Einzug, die von zwei Metzgern zu bedienen waren und ebenfalls mechanische Wurstspritzen, die das Füllen der Därme vereinfachten. Mit dem Siegeszug der Dampfmaschinen im 19. Jahrhundert wurden dann transmissionsgetriebene Wiegemesserapparate und Kolbenfüllmaschinen entwickelt.

Die Erfindung des Fleischwolfes Mitte des 19. Jahrhunderts – vermutlich von dem deutschen Erfinder Karl Drais ­– vereinfachte die Zerkleinerung nochmals deutlich. Heute werden die großen Fleischwölfe elektrisch betrieben. Eine weitere Zerkleinerungstechnologie verkörpert der »Kutter«, er zerkleinert viel feiner als ein Fleischwolf.

Alle genannten Werkzeuge und Maschinen sind, neben Witzigem und Skurrilem, im 1. Deutschen Bratwurstmuseum in Holzhausen (Thüringen) zu sehen.

Öchsenberg Rhön

Öchsenberg Rhön (Quelle: Rainer Schlott )

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Vulkan mit Industriegeschichte – der Öchsenberg bei Vacha

von Gastautor Rainer Schlott

Als Vorsitzender des Rhönklubzweigverein Vacha e.V. empfiehlt Rainer Schlott die Aussicht vom »Öchsen« und einen Besuch in der Vereinshütte am Berggipfel:

Als Brückenstadt an der Via Regia liegt die alte Stadt Vacha dem »Öchsen« zu Füßen. Die Gegend um den Berg ist altes Siedlungsgebiet. Bereits aus der Jungsteinzeit sind Besuche nachgewiesen. Die Kelten bauten hier um 600 v. Chr. eine 30 Hektar große Höhensiedlung und kontrollierten so das Dankmarshäuser Rhäden.

Der 627 Meter hohe Öchsen und sein Nachbar, der Dietrichsberg, bestehen aus 200 Millionen Jahre altem Muschelkalk und Bundsandstein, welche vom Vulkanismus vor etwa 20 Millionen Jahren durchdrungen wurden. Bei Abkühlung der beiden Schichtvulkane sonderte sich die Basaltschlacke in sechseckigen Säulen ab.

Ab dem 17. Jahrhundert wurde der Basalt abgebaut. Mit Fuhrwerken oder mit Tragen brachte man das gelesene und behauene Baumaterial mühsam ins Tal. Um 1900 stieg die Nachfrage sprunghaft an: Der Grund waren der Straßenbau und die Errichtung von Eisenbahnstrecken. Dafür wurde vor allem Schotter benötigt.

Im Jahr 1897 eröffnete am Öchsen das erste Basaltwerk. Die neue Industrie expandierte. Von 1899 bis 1975 transportierte eine Drahtseilbahn den Basalt über 2,5 Kilometer zur Bahnstation in Vacha. Zu DDR-Zeiten wurden vom Berg 15 Meter abgetragen und dieser für Wanderer gesperrt. Lag die Jahresproduktion um 1900 bei 150 Güterwagons, stieg sie bis 1986 – als der Betrieb am Öchsen geschlossen wurde – bis auf 6.000 Wagonladungen. Am benachbarten Dietrichsberg wird bis heute Basalt gefördert.

Gleich nach der »Wende« wollte ein Firmenkonsortium die Produktion am Öchsen wieder aufnehmen. Durch engagierten Einsatz naturverbundener Bürger der Region konnte dies verhindert werden. 1990 wurde der Berg unter Naturschutz gestellt und bis 1992 aufwendig renaturiert. Heute ist er Teil des UNESCO-Biosphärenreservats Rhön.

Unser Verein hat die Wanderwege auf dem Öchsen und dem Dietrichsberg wieder erschlossen. Informationstafeln weisen auf Flora und Fauna und die lange Besiedlungsgeschichte der zwei Berge hin. Das 1999 auf dem Gipfel errichtete Keltenkreuz ist ein Zeichen dafür, aber auch Wegmarke für Nah- und Fernwanderwege. Hier oben lädt unsere Wander- und Vereinshütte zu einer Rast sowie einem fantastischen Rundblick über die Rhön, den Thüringer Wald und das Knüllgebirge in Hessen ein.

Optisches Museum Jena

Optisches Museum Jena (Quelle: Optisches Museum / Ernst-Abbe-Stiftung )

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Optisches Museum Jena – die Schatzkammer der Optik

von Gastautorin Franziska Trögel

Die Autorin ist im Optischen Museum für die Museumspädagokik und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich:

In der »Lichtstadt« Jena findet man das Optische Museum, mitten im Herzen der Stadt gelegen, in der im 19. Jahrhundert Optikgeschichte geschrieben wurde.

Carl Zeiss eröffnete 1846 in Jena eine mechanische Werkstatt und begann mit der Fertigung von Mikroskopen. Erst durch die Zusammenarbeit mit dem Physiker Ernst Abbe, dem Begründer der wissenschaftlichen Optik, bricht eine neue Ära im Bau der Mikroskope an. Die Weiterentwicklung am Mikroskop erforderte bessere optische Gläser, deren Herstellung sich der Glaschemiker Otto Schott widmete. Die erfolgreiche Zusammenarbeit des Jenaer Triumvirats ermöglichte den Weltruhm der Firma Zeiss und die Entwicklung der Stadt Jena zu einem Zentrum der optischen Industrie.

So wie die Stadt selbst, ist auch das Optische Museum eng mit der Firma Zeiss verbunden. Die Geschichte des Museums reicht bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Damals begannen Mitarbeiter der Firma Zeiss mit dem Zusammentragen optischer Instrumente vornehmlich aus der eigenen Produktion. Bald dehnte sich die Sammeltätigkeit auf Erzeugnisse anderer Hersteller, sowie historische Instrumente aus. Diese Sammlung bildete den Grundstock für das im Juni 1922 von der Carl-Zeiss-Stiftung gegründete Optische Museum. Heute befindet es sich unter der Trägerschaft der Ernst-Abbe-Stiftung und besitzt einen umfangreichen Fundus an historischen und modernen optischen Geräten, von denen die schönsten Stücke in der Ausstellung gezeigt werden.

Und es gibt vieles zu entdecken: Neben den Lebensleistungen des Triumvirats werden Mikroskope, Fernrohre, Kameras und Fotoobjektive, Guckkästen und Zauberlaternen, Brillen und augenärztliche Untersuchungsgeräte präsentiert.

All diese Schätze jungen und älteren Besuchern näher zu bringen und die Geschichten zu den Exponaten zu erzählen, das ist meine Aufgabe im Museum. Staunende und überraschte Blicke bleiben in Anbetracht der Vielfalt der Exponate nicht aus. In Erinnerung bleibt vielen Museumsgästen die historische Werkstatt von Carl Zeiss. In diesem Nachbau kann man eindrücklich die Arbeitsbedingungen in einer optisch-mechanischen Werkstatt an der Schwelle zur Industrialisierung demonstrieren.

Nordfriedhof Jena

Nordfriedhof Jena (Quelle: ScottyScout )

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Jede Gesellschaft hinterlässt ihre Spuren – der Nordfriedhof in Jena

von Gastautorin Helga Spath

Die Autorin führt seit vielen Jahren Gäste über den Jenaer Nordfriedhof:

In der Zeit des industriellen Aufschwungs wuchs die Jenaer Bevölkerung rasant an, von 10.000 im Jahre 1880 bis 40.000 um 1920. Die Zahl der Bestattungen erhöhte sich auf etwa 350 im Jahr. Ein neuer Friedhof wurde benötigt. Das Geld dazu kam von der von Ernst Abbe gegründeten Carl-Zeiss-Stiftung. 1889 entstand im Norden der Stadt einer der schönsten Landschaftsfriedhöfe Deutschlands, der die Ideen der Friedhofsreformbewegung in ausgezeichneter Weise umsetzte und seinerzeit von Friedhofsgestaltern aus dem In- und Ausland besucht wurde.

Mit dem Bau des neuen Friedhofs wollte die Stadt auch das bisher von der Kirche dominierte Begräbniswesen in ihre Hände nehmen. In einer neuen Friedhofs- und Bestattungsordnung wurden alle konfessionellen Bestimmungen entfernt. In den folgenden bald 130 Jahren hinterließ jede Gesellschaftsordnung ihre ganz speziellen Spuren auf dem Friedhof. In der Gründerzeit wollte sich das wohlhabende Bürgertum nicht nur durch reich geschmückte Villen sondern durch prächtige Grabmäler mit Grabbauten, schmiedeeisernen Gittern, teuren Grabsteinen aus Marmor oder Granit mit vergoldeten Lettern vom Normalbürger absetzen. In Jena wurden solche vom Volk »Hochmutsalleen« genannten Gestaltungen von vornherein durch eine entsprechende Friedhofssatzung verhindert bzw. in moderate Bahnen gelenkt. Die vor dem Ersten Weltkrieg einsetzende Reformbewegung war bestrebt, die sozialen Unterschiede wenigstens auf dem Friedhof zu nivellieren.

Die zunehmende Bürokratisierung der »städtischen Daseinsfürsorge« führte in den folgenden Jahren zu einem zentimetergenau normierten Standardgrab, das jegliche individuelle Gestaltung vermissen ließ. Die Idee von der Gleichheit der Menschen im Tod passte dann auch in die nationalsozialistische Idee von der Volksgemeinschaft. In der DDR wurden neben den Reihengräbern Urnen-Gemeinschaftsanlagen angeboten: große begrünte Rasenflächen mit oder ohne Namensnennung der Verstorbenen. In den Jahren nach 1990 nahmen sowohl die individuellen Grabgestaltungen wieder zu als auch die Gemeinschaftsgräber, in denen die Toten eines Jahres gemeinsam bestattet werden und Namen sowie Lebensdaten auf einem Grabstein verzeichnet sind. All diese Grabformen sind bei einem Spaziergang über den Nordfriedhof zu erleben und viele bekannte Namen zu entdecken.

Gera - Neubaugebiet Bieblacher Hang

Gera - Neubaugebiet Bieblacher Hang (Quelle: INIK GmbH )

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»Am Bieblacher Hang« – DDR-Wohnungsbau am Industriestandort Gera

von Lars Scharnholz

Der studierte Architekt und Denkmalpfleger ist ein Freund von Bauten der Moderne in Ostdeutschland:

Der Eindruck von Vielfalt in der Architektur geht leicht verloren, wenn man sich nur mit dem schon Etablierten beschäftigt. Dies gilt in besonderer Weise für die »Ostmoderne«. Akzeptiert und in Teilen auch liebgewonnen wurden der Berliner Fernsehturm, der »Teepott« in Warnemünde oder auch das Unihochhaus in Leipzig. Was aber ist mit den Siedlungsbauten zwischen Stralsund und Suhl, die das Stadtbild so sehr prägen? Die Architektur der »Ostmoderne« ernst nehmen muss bedeuten, auch in die zweite Reihe zu blicken, zum Beispiel nach Gera. Die Grundsteinlegung der Siedlung des am nordwestlichen Stadtrand der ehemaligen Bezirkshauptstadt gelegenen Stadtteils »Am Bieblacher Hang« erfolgte 1957. Das Wohnquartier für 20.000 bis 25.000 Bewohner entstand im Zuge des Aufbaus des regionalen Uranabbaus und der Schwermaschinenindustrie.

Neben Wohnbauten sahen die Planer in dem Stadtteil Schulen, 1964 die Kaufhalle Nord, 1965 die Kindergrippe »Kinderglück« und die für die damalige Zeit sehr fortschrittliche Bergarbeiter-Poliklinik vor, die bis in die 1970er-Jahre ausschließlich den Mitarbeitern der SDAG Wismut zur Verfügung stand. 1973 baute man die Gaststätte »Grüne Mulde« mit Friseursalon und Klubräumen. Insgesamt umfasst der Stadtteil »Bieblach-Tinz-Roschütz«, an dem bis zum Ende der 1980er-Jahre gebaut wurde, 2.275 Wohnungen.

Alle 3- bis 10-geschossigen Bauten stehen seit 1992 unter Denkmalschutz. Der Teilsanierung in den 1990er-Jahren folgte ab 2005 eine umfassende Instandsetzung und Modernisierung, um eine dauerhaft hohe Mieterauslastung vor allem durch junge Familien und Senioren zu ermöglichen. Zu den Sanierungen der Jahre 2006 bis 2009 zählen auch die denkmalgeschützten Staffelhäuser am Glück-Auf-Weg 2-8 sowie Glück-Auf-Weg 3-11 und der Egon-Erwin-Kirsch-Straße 4-12. Für die Maßnahme erhielt die Gebäudewirtschaft (GWB) »Elstertal« 2011 den Thüringer Denkmalschutzpreis in der Kategorie Denkmalensemble. Die behutsame Sanierung zeigt: Es braucht keine Schönmalerei, um die Siedlung zukunftsfähig zu machen. Wichtig ist das Besinnen auf die bestehenden Qualitäten. Alles andere ist Fassadenkosmetik. Ein Geschichtspfad durch das Wohngebiet in Form von Schautafeln lädt zu weiteren Entdeckungen ein.

Münchenbernsdorf - Teppichfabrik Carpet Concept

Münchenbernsdorf - Teppichfabrik Carpet Concept (Quelle: ScottyScout )

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Von den Leinewebern zur Auslegeware – Textiles aus Münchenbernsdorf

von Gastautor Thomas Müller

Thomas Müller ist Vorsitzender des Heimatvereins Münchenbernsdorf:

Fast jeder aus den fünf neuen Bundesländern kannte das: Ins Wohnzimmer gehörte ein Teppich, oder noch besser – Auslegeware. Doch die Preise für eine so große Fläche waren exorbitant – und halbwegs passende Ware war auch nicht überall und zu jeder Zeit erhältlich. Aber eines wusste man: Teppiche und Auslegeware kamen aus Münchenbernsdorf, aus der »Teppichstadt«. Münchenbernsdorf und Teppiche, das war für über einhundert Jahre ein zusammengehörender Begriff. Bis zur »Wende« arbeiteten ungefähr 1.200 Menschen in den zwölf Betriebsteilen. Sieben Fabriken produzierten direkt in Münchenbernsdorf.

Für die meisten Mitarbeiter im Ort war die Arbeit in den Teppichfabriken sogar Familientradition, denn schon die Großväter und Großmütter standen an den Webstühlen: Die Textilgeschichte von Münchenbernsdorf reicht bis zu den Leinewebern des Mittelalters zurück. Später folgten Wolltuchfabrikation, Zeugwirkerei und eine Beuteltuchfabrikation, die es zu Weltruhm brachte. Die in der Gründerzeit ab 1856 entstandenen Teppichfabriken sowie eine Druckerei und Färberei verschafften der Stadt einen gewissen Wohlstand. Bis zur »Wende« prägten Fabrikschornsteine die Stadtsilhouette.

Wohl keiner konnte sich vorstellen, dass eine so lange blühende Industrie so schnell zusammenbrechen würde. Binnen weniger Monate verstummte das eintönige »Balickebalacke« der Webstühle im Ort. Eine Fabrik am Stadteingang existiert heute noch, ist modernisiert und liefert hochwertige Bodenbeläge für den Objektbereich, zum Beispiel in Hotels. Nur noch wenig erinnert in Münchenbernsdorf an die einst blühende Industrie, die von sich sagte: »Münchenbernsdorfer Teppiche und Läufer finden in der ganzen Welt ihre Käufer.«

Im letzten und heute einzigen Werk, der Carpet Concept Teppichfabrik, befindet sich ein Web-Museum, das sich auf Nachfrage gern den Besuchern öffnet. Auch das örtliche Heimatmuseum informiert über die Anfänge der hiesigen Teppichindustrie.

Automobile Welt Eisenach

Automobile Welt Eisenach (Quelle: Rainer Salzmann )

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Automobile Welt Eisenach – das Museum zum Autoindustriestandort

von Dipl.-Ing. Horst Ihling

Horst Ihling ist ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des technischen Direktors und Pressechef des Automobilwerkes Eisenach (AWE):

Als wir zur Leipziger Herbstmesse 1966 den neuentwickelten Wartburg 353 vorstellten, war ich für alle technischen Fragen und Erklärungen zu diesem Fahrzeug der unteren Mittelklasse verantwortlich. Um bei dieser Präsentation gleichzeitig auf die traditionsreiche Geschichte der 1896 gegründeten Fahrzeugfabrik Eisenach A.G. hinzuweisen, stand ebenfalls der sehr sorgfältig restaurierte erste »Wartburg Motorwagen«, produziert um die Jahrhundertwende, auf dem Messestand. Dabei stahl der »Alte« dem »Neuen« fast die Show.

Bei der abendlichen Manöverkritik kam dann die Erkenntnis: Wir brauchen ein kleines Museum, um diese Geschichte des Automobilbaus auch erlebbar zu präsentieren. Da damals die beiden Jüngsten – neben mir unser Kundendienstleiter Ing. Christian Tautz – mit am Biertisch saßen, gab man uns die Chance, unsere ersten Sporen zu verdienen. Wir erhielten den Auftrag, dieses Projekt mit Gebäude und Oldtimern innerhalb eines Jahres zu realisieren. Für die Durchführung aller notwendigen Maßnahmen gab man uns »freie Hand«. Am 28. Oktober 1967 konnte unser Ausstellungspavillon als Blickfang in der Wartburg-Allee auf dem Weg zur Burg feierlich eröffnet werden. Den Millionsten Besucher begrüßte unser Betriebsdirektor persönlich am 11. April 1977 mit einem Gastgeschenk und der Urkunde auf Pergament.

Nach der »Wende« sollte der Pavillon einem Autohaus weichen. Zur Räumung der Exponate gründeten am 12. Juli 1992 zwölf engagierte Persönlichkeiten des Werkes und der Stadt den Verein Automobilmuseum Eisenach e.V. Mit teilweise abenteuerlichen Aktionen wurden die Exponate gerettet.

Nachdem ein Teil der Exponate über zehn Jahre hinweg Asyl in einem Raum der Eisenacher Sparkasse fand, konnte am 4. Juni 2005 endlich an einem denkmalgeschützten authentischen Produktionsstandort des ehemaligen Automobilwerkes ein repräsentatives neues Museum eröffnet werden, das sich inzwischen von einem reinen Fahrzeug- zu einem Erlebnis-Museum »gemausert« hat. Von Dixi über BMW, EMW, dem IFA F9 bis hin zum erfolgreichen Wartburg 311, dem Wartburg 353 und 1.3 sowie den in Eisenach ab 1990 produzierten Opelmodellen, gibt es hier für Autofans nun Einiges zu entdecken.

Zwiebelmarkt Weimar

Zwiebelmarkt Weimar (Quelle: Stadt Weimar )

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Ein Markt der Freundschaften – Städtepartnerschaften in Weimar

von Gastautorin Tina Schiefelbein

Tina Schiefelbein ist Referentin für Protokoll und Städtepartnerschaften in Weimar:

Ein Ort in Weimar, an dem jährlich die Städtepartnerschaften der Stadt erlebbar werden, ist der Zwiebelmarkt im Herbst. Da bieten beispielsweise unsere Partner aus der französischen Stadt Blois seit über 20 Jahren an einem Stand auf dem Marktplatz französischen Wein an. Die Leute pilgern in Scharen dorthin, es gibt inzwischen richtige Stammgäste.

Weimar unterhält mit fünf europäischen Städten eine Städtepartnerschaft: Hämeelinna in Finnland, der deutschen Stadt Trier, Siena in Italien, Blois in Frankreich und seit 2012 mit Zamość in Polen. Hämeelinna wurde 1970 unsere erste offizielle Partnerstadt. Schon seit 1959 gab es Beziehungen zwischen den beiden Städten. Die Musik stellte die Verbindung her: In Hämeelinna wurde der Komponist Jean Sibelius geboren. Jede Städtepartnerschaft hat ihre Besonderheit und eigene Bedeutung für die Beteiligten. In der Partnerschaft mit Trier, die als eine der ersten deutsch-deutschen Partnerschaften noch vor dem Fall der Mauer beschlossen wurde, gab es beispielsweise in der Zeit direkt nach der politischen »Wende« einen engen Austausch auf Verwaltungsebene. Es ging um die Einführung neuer Strukturen und um den Austausch von Erfahrungen. Und mit Zamość verbindet uns eine gemeinsame Geschichte mit KZ-Gedenkstätten und gleichzeitigem UNESCO-Weltkulturerbe.

Freundschaftliche Verbindungen zwischen Städten gab es schon im Mittelalter. Partnerschaften im heutigen Sinne begannen ab 1925 unter Beteiligung deutscher Städte. Ganz neuen Aufschwung bekamen sie nach dem Zweiten Weltkrieg. Städtepartnerschaften sollten die Verständigung und Versöhnung der Völker unterstützen und das auf ganz direkte Art und Weise. Ein Ereignis, an dem ich sehe, dass uns das gelingt, war beispielsweise der Jugendaustausch anlässlich des Außenministertreffens des Weimarer Dreiecks zwischen Polen, Frankreich und Deutschland im Jahr 2014. Im Vorfeld waren die Jugendlichen, die teilweise noch nie im Ausland gewesen waren, sehr skeptisch und verschlossen. Am Ende der gemeinsamen Zeit flossen Tränen. Es war toll zu sehen, wie die Jugendlichen ihren Horizont erweitert und internationale Freundschaften geschlossen haben.

Eine Partnerschaft zwischen zwei Städten ist eine weitrechende beurkundete Vereinbarung – bei Zwiebelkuchen und französischen Wein auf dem Marktplatz wird sie Wirklichkeit.

Veranstaltungsort TRAFO Jena

Veranstaltungsort TRAFO Jena (Quelle: Tina Peißker )

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TRAFO – »Transformation« in Jena

von Florian Dossin

Florian Dossin studiert Urbanistik an der Bauhaus-Universität Weimar:

Wie schon oft laufe ich mit Be- und Verwunderung dem brummenden und leuchtenden Bauwerk am Ende der Nollendorfer Straße entgegen, das aus seinen großen Fenstern einen Lichtschein auf den Asphalt wirft.

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich mit dem Damenviertel eine umfassende Erweiterung der Stadtgrenze nach Norden. Als nördlicher Abschluss des modernen Wohngebiets entstand um 1900 ein großer Industriekomplex, auf dem unter anderem ein Maschinenhaus, eine Dampfmaschinen- und Wagenhalle, Verwaltungs- und Bürogebäude sowie ein Industrieschornstein gebaut wurden. Dieses Areal wurde von der neu gegründeten »Jenaer Elektrizitätswerke-Aktiengesellschaft« errichtet und sollte der Stromversorgung mit Gleichstrom, unter anderem für den Straßenbahnbetrieb dienen. Mit der Inbetriebnahme 1901 brannte in Jenas Haushalten erstmals elektrisches Licht und wenige Tage später fuhr auch die erste elektrische Straßenbahn durch die Stadt. Im 20. Jahrhundert stieg der Bedarf an Mobilität und Energie in Form von Wechselstrom stetig an, so dass der Komplex in der Folge ständig umgebaut, und nach 1990 schließlich aufgrund von Neubauten an anderer Stelle stillgelegt wurde.

Das Maschinenhaus, das als Trafo- und Gleichrichterstation diente, stand in der Folge fast 20 Jahre lang leer. 2014 wurde es vom Kulturverein »Ins Netz e.V.« entdeckt, behutsam entstaubt und öffnete noch im selben Jahr seine Tore für die Kultur. Auch wenn sich Maschinen nur in Abdrücken auf dem Boden erhalten haben, zeugen die Wandoberflächen und bauzeitliche Ausstattungen wie die große stählerne Rundbogentür, ein 5-Tonnen-Kran oder marmorne Schalttafeln von Lärm, Staub und Glanz der vergangenen industriellen Nutzung.

Während das Maschinenhaus zur Bauzeit eine Keimzelle der Jenaer Industrie darstellte und der Umwandlung von Strom diente, sind es heute vor allem künstlerische und gesellschaftliche Wandlungsprozesse, die hier angeregt werden. Der TRAFO bietet einen inspirierenden Ort für breite kulturelle Nutzungen wie neue Kunstformen, Ausstellungen, Konzerte oder Diskussionen, durch welche die Geschichte des Ortes fortgeschrieben und interpretiert wird. Jede Bespielung des Raums dient letztlich auch der Reparatur und dem Erhalt der baulichen Hülle, sodass ein Gleichnis entsteht: Der Raum braucht Nutzung und die Nutzung braucht Raum.

Kräuter- und Olitätenmuseum »Beim Giftmischer« Schmiedefeld

Kräuter- und Olitätenmuseum »Beim Giftmischer« Schmiedefeld (Quelle: Mirko Landrock )

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Kräuterprodukte auf Wanderschaft – der Thüringer Olitätenhandel

von Gastautor Heinz Liebermann

Der Autor ist Vorsitzender des regionalen Fördervereins Thüringer Kräutergarten / Olitätenland e.V.:

Der »Thüringer Kräutergarten« ist eine Region im Thüringer Schiefergebirge, die beiderseits des Mittellaufes des Flusses Schwarza liegt. Aufgrund der besonderen geologischen, topografischen und klimatischen Bedingungen gibt es in diesem Gebiet einen großen Artenreichtum an Wald-, Feld- und Wiesenpflanzen, aber auch eine Vielfalt unterschiedlicher mineralischer Stoffe. Diese bildeten die Grundlage für das hier entstandene einzigartige laienpharmazeutische Olitätengewerbe, welches eine deutschlandweit einmalige Tradition hat.

Bereits im Mittelalter nutzten die Bewohner im östlichen Teil des Thüringer Waldes diese reichen Gaben der Natur und deren heilende Wirkung. Ab dem 16. Jahrhundert stellten Laboranten in kleinen Waldlaboratorien auf Grundlage gut gehüteter Herstellungsrezepturen Naturheilmittel, die sogenannten »Olitäten« (Öle, Essenzen, Balsame, Tinkturen oder wohlriechende Wässerchen) und Kräuterliköre her.

Die Herstellung und der Vertrieb dieser Naturheilmittel war vom 17. bis zum 19. Jahrhundert der florierendste Geschäftszweig dieser Region, der auch die Entwicklung einer ganzen Reihe weiterer Gewerbe im Thüringer Wald beförderte – zum Beispiel Bergbau, Waldhandwerke, Glasbläserei, Schachtelmacherei, Papiermühlen oder Druckereien. Die Arzneimitteldörfer in den Fürstentümern Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen wurden zum »Schwarzburger Olitätenland«. Aus diesem führten die »Striche« (Routen) der sogenannten »Buckelapotheker« durch ganz Mitteleuropa.

Ab dem 19. Jahrhundert stand das laienpharmazeutische Olitätengewerbe zunehmend in Konkurrenz zur Pharmaindustrie. Zahlreiche Gesetze schränkten den ambulanten Handel mit Olitäten immer mehr ein, so dass dieses Gewerbe allmählich zum Erliegen kam.

Das lokale Wissen um die Rezepte und Herstellung der Olitäten hat jedoch die Zeiten überdauert. Dafür stehen heute noch verschiedene Hersteller von Heilmitteln und Kräuterlikören im Thüringer Kräutergarten. Das Olitätenmuseum »Beim Giftmischer« - im Haus des vermutlich letzten Olitätenherstellers und Buckelapothekers Oswald Unger – informiert mit historischen Geräten und Einrichtungen über den früheren Herstellungsprozess und den Handel mit den Naturgaben unserer Region.

Heiligen Mühle Erfurt

Heiligen Mühle Erfurt (Quelle: ScottyScout )

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Die Geschichte der Erfurter Perlgraupen aus der Heiligen Mühle

von Gastautor Karl-Friedrich Naue

Der Autor hat schon als Kind in der elterlichen Mühle mitgeholfen und ist zudem begeisterter und überregional bekannter Jazzmusiker:

Meine Vorfahren erwarben das Mühlengrundstück im Jahr 1839. Da war die Perlgraupenmühle gerade im Aufbau, die vorherige Papiermühle war 1813 von den napoleonischen Truppen dem Erdboden gleich gemacht worden. In der Kriegs- und Nachkriegszeit mussten bei uns in der Familie alle mit anpacken und so habe ich schon als Jugendlicher meine Begeisterung für die Mühlentechnik entdeckt. In den 1950er-Jahren wurde die Mühle allerdings stillgelegt und verkam zum Abstellraum. Nach meiner Ausbildung zum Heizungs- und Klimaingenieur arbeitete ich im nunmehrigen VEB (Volkseigener Betrieb). Das ingenieurtechnische Wissen half uns dann sehr, als wir die Heiligen Mühle Mitte der 1990er-Jahre mit tatkräftiger Hilfe der Familie wieder zu einer funktionstüchtigen Perlgraupenmühle aufbauten – als Denkmal und Veranstaltungsort in Erfurt.

Graupen waren ab dem 17. Jahrhundert ein wichtiges Grundnahrungsmittel vor allem für die ärmere Bevölkerung. Graupen bestehen aus den geschälten Körnern der Gerste. Sie waren bei den Menschen allerdings nicht sehr beliebt und wurden im Volksmund wegen ihrer Größe Kälberzähne oder Treppenspringer genannt. Meine Vorfahren wollten ihr Produkt dann nicht andauernd so beschimpfen lassen und so fingen sie an, es zu verbessern: Sie zerkleinerten die groben Körner. Allerdings wurden die dann eckigen Graupen noch weniger gekauft. Eine Verschönerung musste her. So entwickelte man ein besonderes Verfahren mit dem die zerkleinerten Körner rundgeschliffen werden konnten. Sie wurden als Perlgraupen bezeichnet. Die Erfurter Perlgraupen waren deutschlandweit ein Begriff. Deshalb ist die Heiligen Mühle ein überregional wichtiges technisches Denkmal. Von den über 50 Mühlen in Erfurt ist sie die einzige, die noch für Besucher geöffnet ist.

Die Restaurierung der Heiligen Mühle war und ist ein Familienprojekt und hat Jahre gedauert. Es fallen ständig neue Arbeiten an zum Beispiel müssen die Schaufeln der Wasserräder ständig erneuert und über 90 Lagerstellen geschmiert werden. Wir haben jedes Jahr bis zu acht Tagesveranstaltungen mit Mühlenführungen. Mein Sohn führt dann die Besuchergruppen durch die Mühle und ich schlüpfe in meine andere Rolle: Als Karli Naue spiele ich mit meiner Band Jazzmusik auf dem Mühlenhof.

Gartenberg Sömmerda

Gartenberg Sömmerda (Quelle: Koch & Ingber )

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Alte und neue Visionen auf dem Gartenberg in Sömmerda

Otto Rosenstiel leitet in Sömmerda das Bau- und Umweltamt, Ulrich Braem ist Projektleiter für das Pilotprojekt energetische Stadtsanierung auf dem Gartenberg. Wir haben uns zur Gartenstadtbewegung und zum aktuellen Pilotprojekt »Gartenberg in Sömmerda« mit ihnen unterhalten:

»Der Gartenberg in Sömmerda ist ein Beispiel für eine anspruchsvolle und aufwändige Stadterweiterung kurz nach der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert«, erzählt uns Otto Rosenstiel. »Der Stadtteil ist durch eine traditionell sehr heterogene und kleinteilige Eigentümerstruktur gekennzeichnet. Dem Gartenstadtmodell verpflichtet, ist der Gartenberg mit seinerzeit sehr großzügigen Grundstücken und Wohnhäusern angelegt.« Als ab 1900 in Sömmerda die Elektrifizierung der Stadt erfolgte, wuchs die Einwohnerzahl ständig an. Die Arbeiter der Rheinmetall und der Firma Dreyse & Collenbusch benötigen günstigen Wohnraum. So entstand 1915 auch der Gartenberg.

Die Gartenstadtbewegung kam ursprünglich aus England. Dort hatte Ebenezer Howard 1898 ein Modell entwickelt, das eine Antwort auf die schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse der Arbeiter in der Zeit der Industrialisierung ebenso wie auf steigende Bodenpreise sein sollte. Die Grundform ähnelt der eines Kreises: Im Zentrum befanden sich die Versorgungseinrichtungen wie Läden und Dienstleister. Auf ringförmigen Straßen ordneten sich die Wohnhäuser an. Neben dem baulichen Konzept spielte auch der soziale Gedanke im ursprünglichen Modell eine große Rolle: Die Häuser und Gärten sollten weitgehend gemeinschaftlich verwaltet sein. In Deutschland entstanden ab 1900 gemeinnützige Baugesellschaften, für die sozialreformerischen Ideen setzte sich ab 1902 die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft ein.

»Mit seinem Ursprung als Gartenstadt ist der Gartenberg ein ideales Pilotprojekt für die energetische Stadtsanierung – es ist ein in sich abgeschlossenes Quartier, es gibt einen altersbedingten Umbruch bei den Eigentümern und einen Sanierungsstau.« erläutert Projektleiter Ulrich Braem. In Anknüpfung an die ursprünglichen Visionen der Gartenstadtbewegung soll nun unter intensiver Einbindung der Eigentümer die Sanierung erfolgen. Die neue Vision: Reduzierung für die Umwelt und Kosteneinsparungen für die Bewohner.

Fahner Höhe

Fahner Höhe (Quelle: ScottyScout )

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Am Anfang waren es 15 Kirschbäume – Obstanbau an der Fahner Höhe

»Die Fahner Höhe ist ein Paradies für meine Bienen« sagt uns ein Imker aus Bad Tennstedt und wedelt in der nebeligen Herbstluft unbestimmt in Richtung Süden. Wenig später sehen wir den Grund: Über eine Million Obstbäume schmiegen sich in langen Reihen entlang des Höhenzugs hinter Groß- und Kleinfahner, Gierstädt und Döllstädt. Im Frühjahr ist diese Gegend ein einziges Blütenmeer. Im Sommer beginnt dann die Ernte mit den Kirschen und endet im Herbst mit den Äpfeln. Die Äpfel leuchten zu dieser Jahreszeit rotbackig an den niedrigen Bäumen. Sie ziehen die Äste schwer nach unten – die Bienen des Imkers haben ganze Arbeit geleistet.

Die Verbesserung des Obstbaus bis hin zur industriellen Großproduktion ist tief in die Geschichte der Gegend eingeschrieben. Die Ortschronik schreibt für die Gründung des hiesigen Obstbaus das Jahr 1791 fest. In diesem Jahr pflanzte nämlich der Pfarrer von Kleinfahner, Johann Volkmar Sickler, 15 Kirschbäume. Die Pfarrer mussten damals zusätzlich einen landwirtschaftlichen Betrieb verwalten.

Bei Volkmar Sickler traf diese Aufgabe auf offene Türen: In den folgenden Jahren entwickelte er die Methoden der Obstbaumpflege und Veredelung weiter. Akribisch dokumentierte er seine Beobachtungen zu den Eigenheiten und Vorzügen der einzelnen Obstbaumsorten. Er war es auch, der die erste Obstbauzeitschrift in Deutschland herausgab. Sie erschien im Verlag des Industrie-Comptoirs. Damit aber nicht genug: Neben zahlreichen Büchern mit der Beschreibung von über 432 Obstbaumsorten war Sickler Herausgeber des Obstbaumkabinetts, naturgetreue Wachsmodelle der verschiedenen Kern-, Stein- und Schalenfrüchte. Diese sind heute im Museum der Natur in Schloss Friedenstein in Gotha zu besichtigen. Sickler schaffte es mit seinem Schaffen bis zu einer Mitgliedschaft in die Königliche Gartenbaugesellschaft in England.

Wie diese ersten 15 Kirschbäume bis heute eine ganze Gegend verwandeln konnten, erleben wir auf einer Wanderung durch die Fahnerschen Kirschdörfer. Entlang des Rückens der Fahner Höhe verläuft ein Wanderweg: Teils im Wald zwischen hohen Buchenbäumen, teils entlang der Obstbaumreihen und immer wieder mit Blick über das Thüringische Becken. Er startet in Erfurt und führt mit seinem roten Quadrat auf weißem Grund über 43 Kilometer bis in den Nationalpark Hainich. Wir wählen für heute einen der kleineren Rundwege zwischen den Dörfern.

Spielzeugmuseum Sonneberg

Spielzeugmuseum Sonneberg (Quelle: Matthias Haller )

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Sonneberg - einstige Spielzeugmetropole im Thüringer Wald

von Gastautorin Reinhild Schneider

Die Autorin ist Direktorin des Deutschen Spielzeugmuseums in Sonneberg, das eine Kulturgeschichte des Spielzeugs von den Anfängen bis zur Gegenwart zeigt:

Seit dem späten 15. Jahrhundert nutzten Nürnberger Kaufleute die unweit von Sonneberg über den Kamm des Thüringer Waldes führende Nürnberg-Sächsische Geleitstraße für ihren Handelsverkehr. Da zu ihren »Nürnberger Waren« auch Kinderspielzeug gehörte, entstanden ähnliche Erzeugnisse bald auch im Raum Sonneberg. 1735 nennt ein Dokument erstmals »allerhand Kinderwaaren« als Sonneberger Handelsgut. Man exportierte die geschnitzten und gedrechselten Spielwaren bereits in die ganze Welt sowie »in alle vornehmen Handelsstädte in Teutschland«. Mit Verlag (Großkaufleute) und Hausindustrie begann sich eine für die Spielzeugherstellung charakteristische Produktionsweise herauszubilden. Ein Wechselspiel aus technischer Innovation und wirtschaftlichen Impulsen prägte die Entwicklung.

Um 1840 fand eine erste plastische Masse, der »Teig«, für die Herstellung von Spielzeug Verwendung. 1805 ebnete der innovative Werkstoff Papiermaché den Weg zur seriellen Produktion. Der neue Werkstoff führte zu einer großen Vielfalt an Erzeugnissen und beflügelte vor allem die Puppenproduktion. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Spielzeugindustrie über den gesamten Sonneberger Wirtschaftsraum. Mit schneller Anpassung an Modeneuheiten und mit konkurrenzlos niedrigen Preisen eroberten die Sonneberger Verleger den Weltmarkt. In den Jahren um 1910 kamen nahezu vierzig Prozent der deutschen Spielzeugproduktion aus Sonneberg.

Nach dem Ersten Weltkrieg errichteten US-Importhäuser mit stadtbildprägenden Gebäuden ihre Filialen in Sonneberg. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sollte sich Sonneberg erneut zu einem Zentrum der Spielzeugindustrie entwickeln. Typisch für die Planwirtschaft in der DDR entstand der VEB Kombinat Spielwaren Sonneberg, der ab 1981 nahezu die gesamte Spielzeugindustrie der DDR lenkte.

Der sich mit der »Wende« vollziehende wirtschaftliche Wandel zeigte sich als fast unüberwindbare Krise für die Sonneberger Spielzeughersteller. Dennoch lebt die Tradition der einst weltmarktbeherrschenden hiesigen Spielzeugindustrie in einigen wenigen Unternehmen fort. Mit den Menschen, die hier arbeiten überlebt ein großes Potenzial an Erfahrung und Fähigkeiten.

Technischen Denkmal Imaginata Jena

Technischen Denkmal Imaginata Jena (Quelle: Matthias Mann )

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Die »Imaginata« in Jena – vom Umspannwerk zum Science-Center

von Gastautor Matthias Mann

Matthias Mann war mit seinem Ingenieurbüro vor Ort tätig und arbeitet heute für das Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz ThINK:

Die »Imaginata« versteht sich als ein ganz spezieller Lernort: ein Experimentarium für alle Sinne, ein Fortbildungs-Labor, Science-Center, Galerie und Konzertsaal. Die Besucher im Stationenpark sollen hier experimentieren, spielerisch ihre Sinne schärfen und ihr Wissen und ihre Vorstellungen erweitern können.

Untergebracht ist die »Imaginata« im ehemaligen Umspannwerk Jena-Nord. Dieses wurde 1926 im Auftrag der Thüringischen Landeselektrizitätsversorgung AG durch den Weimarer Architekten Bruno Röhr errichtet. Der rasch steigende Bedarf an elektrischer Energie führte bereits 1933/34 zum Ausbau der Mittel- und Hochspannungsnetze und 1942 zu Um- und Erweiterungsbauten. Das Backsteingebäude des Umspannwerkes und das dazugehörige Arbeiterwohnhaus vereint Elemente des Bauhausstils mit der »Neuen Sachlichkeit«. Mit den verwendeten Ziegeln wurden selbst die ornamentalen Elemente gestaltet. Der Erweiterungsbau von 1942 – die 110-Kilovolt-Schalthalle – ist schlichter gestaltet, fügt sich aber gut ein.

Die Gesamtanlage diente der Elektrizitätsversorgung in Jena sowie in der Region und wurde erst 1992 vom Netz genommen. Nach Demontage und Entsorgung ölführender Einbauten – Transformatoren, Ölschalter und Ölkabel – von denen Umweltgefahren ausgehen und der Beseitigung von Kontaminationen des Baukörpers wurde im Jahr 1997/1998 das Umspannwerk von der Stadtwerke Jena GmbH und die Schalthalle von der Thüringer Energie AG für einen symbolischen Preis von 1 DM an die »Imaginata« verkauft. Die Gebäude sind weitgehend im originalen Zustand erhalten – nur einzelne Stahltüren wurden durch Glas-Metall-Elemente ersetzt. Mit sämtlichen Einbauten ist die »Imaginata« sorgsam umgegangen: Im Inneren sind sehr viele technische Einrichtungen erhalten geblieben, so dass man sich ein gutes Bild von der Technik der Versorgung mit elektrischer Energie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts machen kann. Große Keramikisolatoren prägen das Bild. Beeindruckend ist die praktisch komplett erhaltene Schaltwarte des Umspannwerks und in der Luft liegt immer noch der Geruch einer Industrie des vorigen Jahrhunderts.

Ernst Abbe Jena

Ernst Abbe Jena (Quelle: Zeiss Archiv )

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Die App »Jena: Zeiss & Abbe« – auf historischer Spurensuche in Jena

Mit Carl Zeiss (1816-1888) und Ernst Abbe (1840-1905) ist die Stadt Jena in vielfältiger Weise verbunden. Viele Vereine, Schulen und andere Einrichtungen tragen ihre Namen. Die optische Industrie, für die Jena weltweit bekannt ist, geht auf diese beiden Pioniere der Optik zurück.

Den Wegen und Spuren der beiden Persönlichkeiten kann man mit Hilfe der App »Jena: Zeiss & Abbe« folgen. Sie führt auf einem Rundgang durch die Stadt und zeigt historische Bilder der jeweiligen Personen und Orte. Kurze Texte geben einen plastischen Eindruck von den beiden Charakteren und deren Wirken in Jena.

Die Anwendung informiert beim wahrhaftigen oder virtuellen Rundgang durch die Jenaer Innenstadt über die reiche bauliche Hinterlassenschaft der Unternehmer, die sich im Stadtbild zeigt. Neben den ersten drei Werkstätten von Carl Zeiss sowie zahlreichen, auch architektonisch interessanten Industriebauten ist vor allem das ehemalige Hauptwerk sichtbares Zeichen der Geschichte.

Auch das sozialpolitische Engagement von Ernst Abbe wird thematisiert. Architektonisch stehen dafür die von ihm gestiftete Lesehalle – heute die Ernst-Abbe-Bibliothek – und das Volkshaus als Orte der kulturellen und politischen Bildung.

War Carl Zeiss noch ein »klassischer« Firmenlenker des 19. Jahrhunderts, unterschied sich die Denkweise des 24 Jahre jüngeren Arbeiterkindes Ernst Abbe bezüglich der Rolle des Unternehmers deutlich von der seines Partners. So führte die Gründung der Carl-Zeiss-Stiftung 1889 nicht nur zur Absicherung des gleichnamigen Unternehmens über Ernst Abbes Tod hinaus, sondern auch zur Förderung des Allgemeinwohls. Der Gewinn sollte sowohl der Carl-Zeiss Belegschaft sowie der Universität und der Stadt Jena zu gute kommen. Schließlich wurden im Stiftungsdokument auch die Rechte von Arbeitern verbrieft.

Retrospektiv ist vielleicht gerade das die historische Leistung von Ernst Abbe: Er war nicht der Erste, der den unternehmerischen Wohlfahrtsgedanken umsetzte, aber sein Stiftungsmodell sorgte für eine verbindliche Festschreibung von Arbeitnehmerrechten, die wir in Teilen bis heute als die Grundlage der sozialen Marktwirtschaft betrachten. Auch das mag einer der Gründe für die besondere Wertschätzung von Carl Zeiss und Ernst Abbe in Jena sein.

Hochhaus JenTower

Hochhaus JenTower (Quelle: Matthias Mann )

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Der JenTower – modernes Jenaer Wahrzeichen. Eine Basketballgeschichte

von Jakob und Lars Scharnholz

Jakob und Lars Scharnholz sind Basketballfreunde und sehen Städte gern von oben:

Der JenTower ist der »Slam-Dunk« von Thüringen. Das kennt man vom Basketball: Einmal richtig hoch und dann punkten. Kein Wunder, dass sich die Science City Jena gut in der 1. Basketballbundesliga hält, bei dem Hochhaus!

Bis heute strahlt der bis zur Spitze fast 160 Meter hohe Baukörper im Zentrum vor allem eines aus: das Selbstbewusstsein und die Experimentierfreudigkeit der Stadt und der »Zeissianer«. Jena ist mit seiner 1558 gegründeten Universität ein Spitzenreiter im Osten. Im JenTower sitzen nicht nur »ein paar Startups«, wie die Wochenzeitung »Die Zeit«, etwas salopp schrieb. Der Bau beherbergt zum Beispiel auch das Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz, das mit den Universitätsfakultäten nebenan in internationalen Verbundprojekten von Europa bis zur Antarktis forscht.

So war es auch der Forschergeist, der Anlass zum stolzen Turmbau gab. Im 23.000 Quadratmerer großen JenTower sollte die Erfindergruppe »Kombinat Carl Zeiss Jena« residieren. Dabei reiht sich das einem gigantischen Okular gleichende Hochhaus, in eine Serie von bildhaften sozialistischen Großbauten ein, die mit dem aufgeklappten Buch in Leipzig – Universitätshochhaus, Bauzeit 1968-72, Hermann Henselmann – ihren Anfang nahm.

Mit den zwei Fahrstühlen schießt man, bei leichtem Druck auf den Ohren, mit einer Sekunde pro Etage in das letzte der 29 Obergeschosse und hat alsbald den schönsten Ausblick über das Saaletal. Durch eines der insgesamt 1.456 silberbedampften Spiegelglasfenster oder von den Aussichtsplattformen in Richtung Süden geschaut, sieht man bei gutem Wetter sogar die leuchtend schönen »Platten« von Lobeda.

Als Lektüre empfiehlt sich das Buch »Der Turm von Jena. Architektur und Zeichen«. Den Band erhielten die Autoren dieses Textes von einem Baugeschichtsprofessor an der 8.000 Kilometer entfernten University of Washington in Seattle. Übrigens: Dort heißt das JenTower-Äquivalent »Spaceneedle«, erbaut zur Weltausstellung 1962. Der Sci-Fi-Turm war Zeichen der NBA-Basketballmannschaft SuperSonics, die 2008 leider von Seattle nach Oklahoma gingen. In Jena dagegen wird hoffentlich noch länger erstklassiger Basketball gespielt.

Hotel am Wald Elgersburg

Hotel am Wald Elgersburg (Quelle: Hotel am Wald )

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»Haus in idyllischer Lage« – das ehemalige MOPR-Kinderheim Elgersburg

von Gastautorin Elke Pudszuhn

Die ehemalige Leiterin des Bezirksparteiarchivs der SED in Suhl und engagierte Antifaschistin war an der Gestaltung der Ausstellungen zum ehemaligen MOPR-Kinderheim beteiligt:

»Als mein Vater im März 1927 erneut verhaftet wurde und meine Mutter illegal lebte, kam ich ins MOPR-Heim nach Elgersburg [...]«. So berichtet Lore Rutz, Tochter eines »verfolgten proletarischen Kämpfers«, in ihren Erinnerungen. Die der KPD nahe stehende »Rote Hilfe Deutschland« entstand in der Folge der politischen Repression nach den Märzkämpfen und hatte das Haus 1924 unter bürgerlicher Tarnung zur Nutzung als Erholungsheim für die Kinder politisch Verfolgter erworben. Sie ist eng verbunden mit der »Internationalen Roten Hilfe« – auf Russisch МОПР/MOPR, die sich 1922 in Moskau als politisches Gegenstück zum Roten Kreuz gegründet und der weltweiten Unterstützung von Kämpfern der Revolution verschrieben hatte.

Das Elgersburger Heim wurde Ostern 1925 vom damaligen Leiter der Roten Hilfe Deutschland und späteren SED-Vorsitzenden und Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, eingeweiht. Bis 1928 konnten hier mehrere hundert Kinder unbeschwerte Wochen verbringen. Viele von ihnen litten unter Tuberkulose und an Unterernährung. Die Finanzierung wurde aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen bestritten, dem »Kuratorium der Kinderheime der Roten Hilfe Deutschland« gehörten Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Heinrich und Thomas Mann sowie Kurt Tucholsky an.

In der Thüringer Staatsregierung setzte die Faschisierung früh ein, 1928 wurde der Betrieb als Kinderheim untersagt. Bis zur »Machtergreifung« 1933 wurde das Haus noch von der KPD als Bildungs- und Erholungsstätte genutzt, dann zog die Hitlerjugend ein, von 1941 bis 1945 war es Kinderheim der Kriegsmarinestiftung und auch nach dem Krieg bis 1955 wieder ein Kinderheim. Während der deutschen Teilung diente das Haus dann die meiste Zeit als Erholungsheim, eine Ausstellung erinnerte an die MOPR-Zeit. Mit der »Wende« hatte die Treuhand ein Auge auf das Objekt geworfen. Dass sich das Hotel am Wald heute im Besitz der Linkspartei befindet, ist einem Originalkaufvertrag mit Eintragung ins Grundbuch von 1924 zu verdanken. Diesen hatte ich irgendwann während meiner Tätigkeit im SED-Bezirksparteiarchiv Suhl gefunden.

Heutzutage steht das Hotel am Wald jedermann offen. Eine Ausstellung erinnert wieder an die bewegte Geschichte des Hauses.

Gotha - Hannah Höch

Gotha - Hannah Höch (Quelle: ScottyScout )

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Dada in Gotha – ein Stadtspaziergang auf den Spuren von Hannah Höch

Bei einem Spaziergang durch die Innenstadt rund um den Schlosspark in Gotha kommt man vorbei an schönen Bürgerhäusern, Erkern und Balkonen aus der Gründerzeit. Wohl geordnet und überschaubar. Kaum zu glauben, dass in der Stadt, die eher als Vertreterin der Naturwissenschaften gilt, die »Grande Dame des Dada« geboren wurde und hier als junge Frau ihre ersten Skizzen anfertigte.

Die 1889 in Gotha geborene Hannah Höch musste, wie es für Frauen ihrer Zeit meist üblich war, die »Höhere Töchterschule« mit 15 Jahren abbrechen, um sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern. Im Anschluss folgte eine Buchhalterlehre im Versicherungsbüro des Vaters. Der »wollte ein Mädchen verheiratet wissen, aber nicht Kunst studieren lassen«. Bevor der Vater dem Wunsch der Tochter nach einem Studium an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Berlin doch nachgab, streifte die junge Hannah Höch mit dem Zeichenblock durch die Gassen und den Park in Gotha oder malte vom Dachbodenfenster aus den Blick über die Dächer von Schloss und Stadt. Schon in diesem Frühwerk kündigte sich die Vielfalt der Techniken und Stile an, mit der die selbstbewusste Beamtentochter aus Gotha es später zu Weltruhm brachte.

Auch in der Berliner Dada-Szene, zu der ihr Liebhaber, Mitstreiter und Widersacher Raoul Hausmann 1915 die Tür aufstieß, war es für »das Hannchen« – wie sie abfällig genannt wurde – nicht leicht, sich als Frau zu behaupten. Die Erfindung der Fotocollage wird allein Hausmann zugeschrieben, Höchs beträchtlicher Anteil daran lange verschwiegen. Im 1918 gegründeten Berliner »Club Dada« war Höch das einzige weibliche Mitglied und viele Dadaisten wollten in ihr nicht mehr als die Geliebte Hausmanns sehen.

Doch »das Hannchen« setzte sich durch, nahm mit Schere, Stift und Papier gesellschaftliche Rollenbilder und den grassierenden Fortschrittsgeist der turbulenten 1920er Jahre aufs Korn, bereiste Europa und lebte neun Jahre lang mit der holländischen Avantgarde-Schriftstellerin »Til« Brugmann zusammen. Bis zu ihrem Tod mit 88 Jahren erlangte sie weltweite Bekanntheit – ein Traum, der für die meisten ihrer männlichen Kollegen zeitlebens unerfüllt blieb.

Unterwegs auf ihren Spuren durch Gotha starten wir am KunstForum Gotha, schlendern über den Markt vorbei an der Buchhandlung mit ihrem Namen, durch den Schlosspark und tauchen in ihr Wohnviertel ein.

Neues Schloss Rauenstein

Neues Schloss Rauenstein (Quelle: Rainer Blechschmidt )

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Gestern Fabrik, heute Museum – Porzellan aus dem Neuen Schloss Rauenstein

von Gastautor Rainer Blechschmidt

Der Autor arbeitet als Amtsleiter in der Verwaltung der Gemeinde Frankenblick:

Der Thüringer Geschichte mit vielen Kleinstaaten entsprechend, wechselte das »Neue Schloss« in Rauenstein bis zum 18. Jahrhundert mehrmals den Besitzer. Seit 1615 ist an der Stelle über dem Ort ein solches Gebäude nachgewiesen. Nach mehreren Um- und Ausbauten stand das Schloss von 1729 bis 1783 leer und fand keine hochherrschaftliche Verwendung.

Das Thüringer Porzellan brachte die Veränderung und dem Ort Rauenstein eine neue Industrie. 1783 gründeten die Gebrüder Greiner – eine Familie von Glashüttenbesitzern – eine Produktionsstätte im Schloss. Dafür erwarben sie vom Sachsen-Meininger Herzogtum eine Konzession. Die Bausubstanz des Schlosses passten die Unternehmer mehrfach an den Produktionsablauf der Porzellanerzeugung an.

Unabhängig von seinem Konkurrenten Georg Heinrich Macheleid, der in Rudolstadt arbeitete, entwickelte Gotthelf Greiner mit Hilfe seiner praktischen Kenntnisse aus der Glasindustrie, das »Hartporzellan« mit einer speziellen Glasur. Dafür baute man um 1800 spezielle Brennöfen, die einen gleichmäßigen Formenbrand und eine effektive Produktion ermöglichten. Zu dieser Zeit waren die Greiners bereits der größte Produzent von Thüringer Porzellan. Das Gebrauchsporzellan aus Rauenstein fand Einzug in breite Schichten der Bevölkerung.

Bis 1930 stellten die Rauensteiner hier im Schloss Porzellan her. Damals stellte die Fabrik in Folge einer Insolvenz die Produktion ein und wurde bis auf einige Nebengebäude und das ursprüngliche Schloss zurückgebaut. Vier Jahre später kaufte die Gemeinde das Areal.

Nach einem neuerlichen Dornröschenschlaf als Wohn- und Verwaltungssitz wurde die Anlage mit großen Aufwand ab 1992 viele Jahre lang saniert. 2016 erhielt die Gemeinde dafür den Thüringer Denkmalschutzpreis. Heute beherbergt das »Neue Schloss« ein Museum mit einer Sammlung Rauensteiner Porzellans mit zusätzlichen Informationen zur Familie Greiner und zur Erfindung des Thüringer Porzellans. Ein weiterer Ausstellungsschwerpunkt widmet sich einem anderen Produkt aus unserem Ort: Den »Schildkröt-Puppen«. Denn auch Spielzeug war und ist ein Markenzeichen unserer Region.

Gläserne Porzellanmanufaktur Rudolstadt

Gläserne Porzellanmanufaktur Rudolstadt (Quelle: Porzellanfabriken Christian Seltmann GmbH )

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Wirtschaftspolitik im 18. Jahrhundert – Porzellan aus den Thüringer Kleinstaaten

Etwa ein halbes Jahrhundert nach Erfindung des europäischen Porzellans in Sachsen (1709) wurde das »weiße Gold« in Thüringen nacherfunden. Zunächst ein Wettstreit von zwei Protagonisten, führte die kleinstaatliche Enge Thüringens bald zu einer Vielzahl von Gründungen in den verschiedenen Herrschaftsgebieten.

Nahezu gleichzeitig forschten um das Jahr 1760 zwei Parteien zum Herstellungsprozess von Porzellan. In Sitzendorf im Thüringer Wald laborierte Georg Heinrich Macheleid. Der Theologe mit naturwissenschaftlichen Neigungen forschte seit den 1750er-Jahren mit verschiedenen Tonmassen. 1762 gründete er gemeinsam mit seinem Landesherrn und weiteren Teilhabern eine Porzellanmanufaktur in Volkstedt im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt.

Damit hatte er seine Konkurrenten, den fürstlichen Hütteninspektor Johann Wolfgang Hammann und den Glashüttenbesitzer Gotthelf Greiner, ausgestochen. Diese arbeiteten nach anfänglicher Konkurrenz zusammen und gründeten in Walldorf, im benachbarten Herzogtum Sachsen-Coburg-Saalfeld, im Jahr 1764 ebenfalls eine Manufaktur. Gothelf Greiner und andere Mitglieder der Glasmacher-Familie gründeten später weitere Betriebe oder beteiligten sich als Finanziers, zum Beispiel in Limbach 1772 – nach Beendigung der Zusammenarbeit mit Hammann – oder 1783 in Rauenstein.

Ein Grund für die Vielzahl an Manufakturen in und um den Thüringer Wald war das politische System mit 30 selbständigen Herrschaften. Die Fürstenhäuser brauchten solvente Unternehmer, um die kleinen Staatskassen mit Steuergeldern zu füllen und um den herrschaftlichen Wunsch nach Porzellan zu befriedigen. Daher förderten sie den neuen Industriezweig mit Privilegien (Exklusivrechten zur Herstellung), finanziellen Beteiligungen oder durch die Bereitstellung von Rohstoffen. Die naturräumlich bedingte Verfügbarkeit von Ton, Sand und Holz zum Brennen war ein weiterer Faktor, der zum Aufschwung der Porzellanindustrie in der Region führte.

Das von der Macheleidschen Gesellschaft 1762 in Volkstedt etablierte Unternehmen existiert bis heute: Die »Aelteste Volkstedter Porzellanmanufaktur«. In dem umgebauten Fabrikgebäude aus dem 18. Jahrhundert befindet sich heute die »gläserne Porzellanmanufaktur«. Hier arbeiten noch weitere historische Thüringer Porzellanhersteller und fertigen vor allem Figuren und Wohninterieur. Die Schauwerkstatt und das Werksmuseum können besichtigt werden.

Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt

Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt (Quelle: Museum für Thüringer Volkskunde )

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Thüringer Dorfleben zur Zeit der Industrialisierung

Thüringen ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein dicht besiedeltes Land. Das Gros der Einwohner der hiesigen Kleinstaaten lebt in Dörfern deren Struktur sich über viele Generationen kaum verändert hat. Die Menschen sind in traditionelle Dorfgemeinschaften mit einer auf Selbstversorgung basierenden Wirtschaftsweise eingebunden.

Im Laufe der nächsten 100 Jahre vollzieht sich ein tiefgreifender politischer und ökonomischer Wandel, welcher sowohl das soziale Gefüge der Menschen in den Dörfern als auch das Arbeitsleben grundlegend verändert.

Die absolutistischen Kleinstaaten müssen sich liberalisieren und werden 1871 Teil des Deutschen Reiches. Die massiv wachsende Bevölkerungszahl erzwingt einen Modernisierungsschub in der Landwirtschaft. Bestehende Produktionsstätten wandeln sich mit der Kraft der Dampfmaschinen zu Industriebetrieben. Die Thüringer Glashütten, Bergwerke oder Porzellanfabriken und neue Heimarbeitsplätze in der Textil- und Spielzeugherstellung verändern nicht nur die Städte sondern, wenn auch verzögert, vor allem die Dörfer.

Das Museum für Thüringer Volkskunde stellt diesen Epochenumbruch mit seinen Auswirkungen auf das Alltagsleben der Menschen im ländlichen Raum in mehreren Ausstellungen dar: Mittelpunkt ist die 2001 eröffnete Schau »erfahren. verändern. beharren. Dorfleben im 19. Jahrhundert«.

Verschiedene Blickwinkel auf »das Dorf« im Zeitalter der Industrialisierung verdeutlichen sich auf Fotos und in Objekten aus allen Lebensbereichen: Themen sind unter anderem Bildung, Glaube, Gesundheit, Ernährung, Handel, aber auch das Familienleben sowie Traditionen und Bräuche. Zusammengenommen mit der Betrachtung der sich wandelnden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in dieser Zeit, ergibt sich ein historisches Gesamtbild vom Dorfleben in der Epoche, als sich Thüringen von einer Agrargesellschaft zu einem damals hochmodernen Industriestandort in Deutschland entwickelte.

Zum Themenjahr 2018 »Industrialisierung, Industriekultur und soziale Bewegungen« plant das Museum das Ausstellungsprojekt »Schneller? Weiter? Besser? Industriegeschichte(n) aus Thüringen«. Mit 15 Fallbeispielen sollen die Folgen der industriellen Revolutionen aufgezeigt und eine Brücke in unser Jahrhundert geschlagen werden zu den netzbasierten Informations- und Kommunikationstechnologien. Geplanter Ausstellungsstart ist im November 2018.

Bad Tennstedt Geburtsstadt des Elektrizitätspioniers Sigmund Bergmann

Bad Tennstedt Geburtsstadt des Elektrizitätspioniers Sigmund Bergmann (Quelle: ScottyScout )

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Pioniere der Elektromobilität in Bad Tennstedt

Der Hof des kleinen Hotels in Bad Tennstedt ist mit Kopfsteinen gepflastert. Ein liebevoll gestalteter Garten begrüßt die Besucher, Bienen summen. Vor dem bunten Blütenmeer steht wie aus einer anderen Welt eine E-Car-Ladestation. Der Besitzer des Hotel garni Am Kurpark klärt uns auf: Der Geschäftsführer eines Unternehmens für erneuerbare Energien hier in der Region sei ein begeisterter Anhänger der Elektromobilität. Unter anderem auf seine Initiative hin sei die Stromtankstelle installiert worden. Im Hotel müsse er selbst jeweils nur freischalten, die Kosten für den Betrieb übernimmt der Energiedienstleister.

Eine Ladestation ist an sich nichts Besonderes, diese hier in Bad Tennstedt schon. Sie verweist auf einen besonderen Bürger der Stadt. Vor über 150 Jahren wurde hier nämlich Sigmund Bergmann geboren. Er wanderte schon früh nach Amerika aus und gründete in New York eine Werkstatt für elektrische Geräte. Thomas Edison hatte den geschickten jungen Mann dann entdeckt und entwickelte schließlich zusammen mit ihm die erste Glühlampe, die weltweit einen durchschlagenden Erfolg hatte. Edison stieg mit in das Bergmannsche Unternehmen ein. Nachdem dieses ein beachtliches Wachstum erfahren hatte und mit anderen Unternehmen zusammengeführt werden sollte, ließ sich Bergmann auszahlen und ging 1890 zurück nach Deutschland.

In Berlin gründete er zunächst das Unternehmen Sigmund Bergmann & Co., das drei Jahre später in Bergmann Electricitäts-Werke Aktien-Gesellschaft umfirmierte. Dort wurden ähnliche Artikel wie in Amerika produziert. Schon bald wandte man sich jedoch der Produktion von elektrischen Steuerungseinrichtungen, Dynamos und Elektromotoren zu. Und hier schließt sich der Kreis zu der Ladestation in Bad Tennstedt: Auf seinem Firmengelände in Berlin-Moabit stieg Bergmann 1909 nämlich in die Automobilproduktion ein und stellte Elektrofahrzeuge her. Bald surrten gelbe Post-Elektro-LKW aus den Bergmannschen Werken durch Berlin – von den Berlinern etwas abfällig »Suppentriesel« genannt.

Das Hoch der Elektromobilität im frühen 20. Jahrhundert ebbte ab, heute wiederholt es sich. In Bad Tennstedt und Umgebung haben sich neue Pioniere der Elektromobilität gefunden und in der kommunalen Verwaltungsgemeinschaft Bad Tennstedt hofft man, schon bald auf eine weitere Ladesäule direkt auf dem Marktplatz hinweisen zu können.

Zigarrenproduktion Dingelstädt

Zigarrenproduktion Dingelstädt (Quelle: Tobias Schulz )

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Eichsfelder Genuss-Tradition – die Dingelstädter Tabakindustrie

von Gastautor Tobias Schulz

Der Autor ist Heimatforscher. Sowohl seine Großmütter als auch ein Onkel und eine Tante arbeiteten in der in seinem Heimatort Gerbershausen ansässigen Zigarrenfabrik, die sowohl zum VEB Zigarrenfabriken Dingelstädt als auch zum VEB Nortak (Nordhausen Tabak) gehörte:

Seit 1992 betreibt die Johann Wilhelm von Eicken GmbH mit Stammsitz in Lübeck den letzten Standort der Tabakindustrie im Eichsfeld, lange Zeit bekannt unter dem Namen Tabakhaus Dingelstädt. Die Geschichte dieses für das Eichsfeld prägenden Industriezweigs reicht weit zurück. Bereits 1910 eröffnete die Berliner Zigarrenfirma J. Neumann in der Dingelstädter Riethmühle eine kleine Sortiererei und zwei Jahre später nahm man hier die Zigarrenproduktion auf. Ab 1922 fand die Produktion dann im neu entstandenen Werk in der Birkunger Straße statt. Allerdings nicht nur dort, sondern auch in zahlreichen dörflichen Filialbetrieben im gesamten Eichsfeld. In der NS-Zeit ging die Neumann AG, einst gegründet von Jehuda Neumann, dann im Zuge der Verdrängung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben an die Gildemann Zigarrenfabriken AG über. Der Name Gildemann wurde nach der Enteignung zum Kriegsende vom neu geschaffenen VEB zunächst auch beibehalten. Bereits 1945 startete man in Dingelstädt wieder mit der Produktion, dazu in acht dörflichen Filialbetrieben.

1956 waren es dann neunzehn Filialen, weitere kamen noch hinzu. In den dörflichen Betrieben schlug auch das eigentliche »Herz« der Produktion, denn hier wurden die Zigarren gedreht.

Im Dingelstädter Hauptbetrieb wurden sie dann sortiert, gepresst und anschließend versandfertig gemacht. Waren es 1949 noch rund 28 Millionen Zigarren, die produziert wurden, so kam man 1965 bereits auf 190 Millionen Stück. Die Zigarrenfabriken Gildemann standen somit an erster Stelle in der DDR.

Im Jahr 1961 entledigte man sich schließlich des Namens Gildemann und der Betrieb hieß fortan VEB Zigarrenfabriken Dingelstädt. Nach der »Wende« wurde zunächst die Tabak-Haus Dingelstädt GmbH als Treuhandbetrieb gegründet, bevor nach einigen wirtschaftlichen Turbulenzen die Firma Von Eicken den Betrieb übernahm. Bis heute werden dort alle Von-Eicken-Zigarren und -Zigarillos hergestellt, da es »neben dem Eichsfeld kaum eine andere Region in Deutschland gibt, in der Zigarrenexperten so zahlreich zu Hause sind«, wie die Unternehmenswebsite mitteilt.

Technikmuseum Neue Hütte Schmalkalden

Technikmuseum Neue Hütte Schmalkalden (Quelle: Museum Neue Hütte )

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Alte Liebe rostet nicht – Roheisen aus der Neuen Hütte Schmalkalden

von Gastautor Ralf Pasch

Ralf Pasch ist Journalist, Buchautor und Ausstellungsmacher. Er arbeitet unter anderem zu jüdischem Leben in Deutschland und Vertreibung:

»Zurück zu den Wurzeln« kann mitunter auch bedeuten: Zurück an die Wiege. Meine stand in Schmalkalden, am Fuße des Rennsteigs. Unweit davon, in der thüringischen Rhön, lernte ich Instandhaltungsmechaniker, soll heißen: Schlosser. Ich gab den Beruf bald wieder auf, was nicht nur an meiner Metallallergie lag.

Nicht weit von Schmalkalden steht die Neue Hütte, die längst nicht mehr neu ist, auch wenn sie – adrett herausgeputzt – so wirkt. Erbaut wurde sie 1835. Damals war sie auf dem neusten Stand – Hightech. Der mit zehn Metern heute eher mickrige Hochofen produzierte aus Erz Roheisen – das waren innerhalb von 24 Stunden etwa fünf Tonnen. Dazu war freilich die doppelte Menge Kohle und Holz vonnöten. Das gab es jedoch im umliegenden Thüringer Wald zuhauf.

Heute ist die »alte« Neue Hütte eines der letzten Zeugnisse ihrer Art in Europa. Ein Museum rund um das Hochöfchen erzählt mit Hilfe von Modellen, Exponaten und Schautafeln nicht nur dessen Geschichte, sondern lässt den Besucher durch 1.300 Jahre Eisenverarbeitung reisen. Eisenerz, wie es in den Thüringer Tiefen vorkommt, entstand vor Millionen von Jahren. Später, aber noch lange vor der Industrialisierung, erkannte der Mensch den Wert dieses Bodenschatzes. Als 1924 die Produktion in der Neuen Hütte endete, war rund um Schmalkalden auch eine gut vernetzte Industrie für die Herstellung von Kleineisenwaren entstanden.

Die »Stadt der Schmiede« wurde über die Grenzen des Thüringer Waldes hinaus bekannt. Durch ihre günstige Lage im Netz der Handelsstraßen konnten die Produkte von dort auf Messen an den Mann gebracht werden. Zwischen 1956 und 1990 – auch davon erzählt das Museum in der Neuen Hütte – waren Kleineisenwaren unter dem Markennamen »Smalcalda« berühmt. Mein Großvater, der in einer böhmischen Dorfschmiede sein Handwerk erlernt hatte, tüftelte in Thüringen als Ingenieur in einem Zweigbetrieb des VEB Werkzeugkombinates Schmalkalden an neuen Zangen und Schraubenziehern. Die Neue Hütte wurde im Jahre 1950 unter Denkmalschutz gestellt – und an einem denkwürdigen Tag eröffnete das Museum: am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR, und zugleich aus heutiger Sicht, dem Vorabend der letzten großen Deindustrialisierung in Thüringen.

Christopher Street Day (CSD) Erfurt

Christopher Street Day (CSD) Erfurt (Quelle: CSD in der Mitte Deutschlands e.V. )

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Tschüss Schubladendenken – der Christopher Street Day in Erfurt

Hunderte bunte Luftballons steigen vom Anger in Erfurt in die Luft. Darunter eine bunte Menge, die in den Himmel schaut. Menschen, die für die Gleichberechtigung aller geschlechtlichen Orientierungen streiten, ob lesbisch, schwul, bi-, trans- oder intersexuell (LSBTI). Es ist August und wieder zieht der Christopher Street Day (CSD) durch die Straßen Erfurts.

Den ersten CSD in Erfurt gab es 1997, um die jährliche Durchführung zu ermöglichen wurde 2012 der Verein »CSD in der Mitte Deutschlands e. V.« gegründet. Zudem gibt es eine Veranstaltungswoche und ein Straßenfest. »Damals waren wir 20 Teilnehmer, 2016 waren es dann schon über 1.000. Der Zulauf zeigt, wie wichtig dieser Tag für die Menschen hier ist«, sagt Tobias Gerdsen. Er ist im Vorstand des Vereins. »Unsere Community wächst jedes Jahr. Wir sind ein politischer Verein. Mit dem CSD in Erfurt wollen wir aufmerksam machen auf die immer noch bestehenden Ungerechtigkeiten und Vorurteile. Wir wollen weg vom Schubladendenken und einfach Mensch sein dürfen, ohne anders behandelt zu werden.«

Nicht ganz so jung wie der CSD in Erfurt ist die Schwulen- und Lesbenbewegung in Thüringen. Homosexualität gab es schon immer, es war jedoch meist gefährlich, sie auch auszuleben, besonders im Mittelalter und in den Zeiten des Nationalsozialismus. Erst ab dem 19. Jahrhundert wurde die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern als Homosexualität bezeichnet. Der ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny verwendete als erster den Begriff und ganz im positiven Sinne: Er plädierte 1869 für die Abschaffung der Strafbarkeit des gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehrs.

Es ist wohl der besonderen Situation in der DDR zuzurechnen, dass ausgerechnet die Kirche das Wachsen der ersten Pflänzchen der Bewegung ermöglichte: 1982 wurde in der evangelischen Studentengemeinde in Leipzig ein Arbeitskreis »Homosexualität« gegründet. Das Lutherjahr 1983 mit seinen sieben Kirchentagen in der DDR unter anderem in Erfurt trug dann zur schnellen Ausbreitung bei.

»Ich wünsche mir, dass wir einen Tag wie den CSD in Erfurt irgendwann nicht mehr benötigen, um Flagge zu zeigen«, sagt Gerdsen. Dass es bis dahin wohl noch ein weiter Weg in Thüringen ist, zeigt die Spannung um den Kontakt mit allen politischen Vertretern: Seit 2015 übernimmt anstatt des Landtags die Staatskanzlei den Empfang des CSD.

Denkmal für Erfindung der Zahnbürste Bad Tennstedt

Denkmal für Erfindung der Zahnbürste Bad Tennstedt (Quelle: ScottyScout )

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Unterwegs auf den Spuren der Zahnbürste in Bad Tennstedt

Mitten in Bad Tennstedt steht ein übergroßer Zahnputzbecher. Zwei Zahnbüsten – eine weiße und eine blaue – ragen in den Himmel. Was bewegt ein Städtchen wie Bad Tennstedt, sich solch ein Denkmal zu setzen? Ein Gespräch mit dem Kultur- und Heimatverein bringt uns auf die Spur hin zu einem Beitrag eines Bürgers der Stadt zum frühen Gesundheitswesen – Christoph Hellwig.

Seit dem späten Mittelalter gab es von den Stadträten berufene Stadtärzte, auch Stadtphysicus genannt. Genau genommen waren sie ein Vorläufer des heutigen Gesundheitsamtes. Ein Stadtphysicus hatte ein Auge auf die allgemeine Stadthygiene zu werfen. Die Untersuchung von Prosituierten und Bettlern gehörte ebenso dazu wie die Kontrolle der Fleischerbänke. In Seuchenzeiten musste er zudem vorbeugende Maßnahmen ergreifen und die Bevölkerung bezüglich der notwenigen Hygiene aufklären.

Von 1696 bis 1712 machte Christoph Hellwig in dieser Rolle in Tennstedt seine Runden und kontrollierte in jeder Straße, ob die damals noch offenen Kanäle frei von Unrat waren und besuchte die Apotheker, Bader und Hebammen der Stadt und der Dörfer in der Umgebung. Der studierte Arzt aus dem thüringischen Kölleda war ein besonders umtriebiger Charakter. Unter Pseudonymen wie Valentin Kräutermann oder Constans Alitophilus Hertzberger veröffentlichte er viele medizinische Artikel. Es war dabei sein Anliegen, vom Normalbürger verstanden zu werden. Er verfasste seine Artikel nicht wie damals üblich in Latein, sondern in Deutsch. So auch die Abhandlung zum Gebrauch einer Zahnbürste in der Zeitschrift »Frauenzimmer Apotheke«. Damit erreichte er die Frauen des Bürgertums und hatte durchschlagenden Erfolg: Durch ihn wurde die Zahnbürste in vielen Bevölkerungsschichten bekannt und ersetzte schnell den bisher praktizierten Gebrauch von Sägespänen oder Lappen.

Christoph Hellwig hatte neben seiner Tätigkeit als Stadtphysicus auch einen Versandhandel für Tinkturen und andere medizinische Anwendungen aufgebaut. Viele Materialien dafür musste er aus Erfurt beziehen und so gab er seine Anstellung als Stadtarzt 1712 zugunsten des florierenden Versandhandels auf und siedelte nach Erfurt um.

Aus Tennstedt ist inzwischen die Kurstadt Bad Tennstedt geworden und die übergroßen Zahnbürsten erinnern die Kurgäste auf ihren Spaziergängen daran, dass Gesundheitsvorsorge nicht immer selbstverständlich war.

Baumwollspinnerei Leinefelde

Baumwollspinnerei Leinefelde (Quelle: Stadtarchive Leinefelde-Worbis )

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Leinefelde – vom Für und Wider der Mono-Industrialisierung

von Gastautorin Sigrid Hupach

Sigrid Hupach hat in der Baumwollspinnerei und Zwirnerei ihrer Heimatstadt gelernt und gearbeitet und das Eichsfeld von 2013 bis 2017 als Abgeordnete der Partei Die Linke im Bundestag vertreten:

Ich komme aus Leinefelde, habe im VEB Baumwollspinnerei und Zwirnerei meine erste kaufmännische Ausbildung absolviert und dort gearbeitet, der Arbeit wegen die Stadt verlassen und bin wieder zurückgekehrt – wie so viele. Leinefelde hat eine lange, wechselvolle Geschichte, die eng verbunden ist mit diesem Großbetrieb.

Bis in die 1960er Jahre hinein blieb das »Feld an der Leine« geprägt von Landwirtschaft und Handwerk. Das änderte sich schlagartig mit dem »Eichsfeldplan« der SED, der die grenznahe Region fest in den Aufbau des Sozialismus einband: So wurde 1961 mit dem Bau der damals größten und modernsten Baumwollspinnerei Europas begonnen. In vier Hallen produzierte man zuletzt 16.000 Tonnen Garn und Zwirn pro Jahr, fast alles, was in der DDR verarbeitet wurde und auch für den Export arbeiteten die 4.500 Beschäftigten der »Spinne« im Dreischichtsystem.

Mit dem VEB einher ging der Bau der stadtbildprägenden »Plattenbausiedlungen«, die Leinefelde zur »sozialistischen Stadt« machen sollten: Neben modernen Wohnungen entstanden Schulen und Kindergärten, Hallenbad, Freibad und Stadion. Aber auch Jugendeinrichtungen, eine Stadthalle und ein Kreiskulturhaus im nahegelegenen Worbis bereicherten den Alltag – und so prägte die »Spinne« auch das Leben derjenigen, die dort nicht arbeiteten. Die Stadt wuchs in einem knappen Vierteljahrhundert von 2.500 Einwohnern auf 16.000 an.

Wie der Betrieb die Stadtentwicklung förderte, so wurden die Umbrüche ab dem »Wendejahr« 1989 von ihm verstärkt: 1992 sank die Garnproduktion um über 60 Prozent, die Zahl der Beschäftigten um über 90 Prozent. Trotz interessanter Sanierungskonzepte aus dem Betrieb heraus, wurde das Unternehmen 1997 von der Treuhand an die Falke Gruppe veräußert. 2013 folgte dann die Insolvenz. Der Stadt ist es gelungen, das Gelände nicht brachliegen zu lassen, sondern es zu einem kleinteiligen Gewerbegebiet weiterzuentwickeln.

Der äußerst gelungene Stadtumbau von Leinefelde wurde 1997 Teil der Weltausstellung Expo 2000, die Südstadt mit innovativen Rückbauten weiterentwickelt. Das Info-Center zum Stadtumbau ist hier der Anlaufpunkt, um mehr über die Stadtgeschichte zu erfahren – und auch von der »Spinne«.

IFA-Museum Nordhausen

IFA-Museum Nordhausen (Quelle: IFA-Museum Nordhausen am Harz e.V. )

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IFA-Museum Nordhausen – ein Industriestandort ist Geschichte

von Gastautor Hans-Georg Franke

Hans-Georg Franke ist Vorsitzender des Vereins IFA-Museum Nordhausen a. Harz e.V. Er war 22 Jahre in der Qualitätssicherung der IFA-Motorenwerke Nordhausen tätig und ab 1993 Serviceleiter in einem Nordhäuser Autohaus:

Wie kaum ein anderer Ort reflektiert der »IFA«-Standort die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit all ihren Facetten von der Gründerzeit bis ins Heute. Diese große hundertjährige Nordhäuser Maschinenbautradition dem kollektiven Gedächtnis zu erhalten, ist ein Anliegen des IFA-Museums.

Am Originalstandort in den ehemaligen Räumen des Motorenwerkes präsentieren sich alte Lokomotiven, betagte Traktoren aus den 1950/60er-Jahren und eine Vielzahl von Motoren. Die meisten Maschinen sind aufwendig rekonstruiert und funktionstüchtig. Schnittmodelle zeigen Aufbau und Funktion. Besonders für junge Besucher ist das eine spannende Lehrstunde in Technik. An manchen Tagen werden Lokomotiven gestartet und Motoren angeworfen. Ein riesiges Modell zeigt die Größenordnungen des IFA-Motorenwerkes im Jahr 1988 und historische Fotos berichten hautnah von einer Industriegeschichte, die heute verlorenzugehen droht.

Das Besondere an unserem Museum ist die Art der Präsentation: Es finden sich hier Exponate aus verschiedenen Epochen der Industriegeschichte, auch aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ordentlich aufgereiht und katalogisiert, so wie es die Sammlung eines Museums erwarten lässt, auch werden die Besucher von ehemaligen »IFA-ranern« durch die Ausstellung geleitet. Das sind die Frauen und Männer, die die Exponate aus Zeiten kennen, als diese noch im Einsatz waren. Sie erzählen Geschichten über Entwicklung und Entstehung, über Probeläufe und nicht gelungenen Experimente, Produktion in Zeiten der Mangelwirtschaft und den Stolz der Menschen, Produkte zu bauen, die zu ihrer Zeit Weltspitze waren. Im IFA-Museum können die großen und kleinen Besucher noch mit Menschen sprechen, die diese Traktoren und Motoren gebaut haben. Manch spannende Geschichte lässt sich so hören … Das gilt auch für manchen Besucher, der seinen Enkeln vor Ort die Erfahrungen seiner Jugend näher bringt.

100 Jahre Industrieproduktion in Nordhausen. Das IFA-Museum in Nordhausen schreibt diese Geschichte und zeigt wie Technik funktioniert.

Skatbrunnen Altenburg

Skatbrunnen Altenburg (Quelle: Altenburger Tourismus GmbH )

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»Gut Blatt« - der Ursprung des Skatspiels in Altenburg

ScottyScout im Gespräch mit Ute Modrow

Unsere Gesprächspartnerin ist die Pressereferentin des Deutschen Skatverbandes e. V.:

Als »Erfinder« des Skatspiels gelten einige Altenburger Honoratioren wie der Gymnasialprofessor Johann Friedrich Ludwig Hempel, der Medizinalrat Dr. Hans Carl Leopold Schuderoff und Kanzler Hans Carl Leopold von der Gabelentz – am 04. September 1813 erfolgte dann die erste urkundliche Erwähnung als »Scat«. Seit 1903 gibt es mit dem Skatbrunnen in Altenburg das bislang einzige Denkmal für das Spiel.

Ich schätze Skatspielen, weil es ein Kartenspiel ist, das die Gehirntätigkeit fordert und fördert. Das Gedächtnis, das Rechnen und logische Denken hält das Gehirn bis ins hohe Alter in Schwung und man fängt hier schon als Jugendlicher an. Bei Skatturnieren finden sich dann auch meist Vertreter aus allen Generationen. Es ist unglaublich zu sehen, wie sich auch über 90-Jährige die Karten merken können. Wer Skat spielt, übt sich automatisch auch im korrekten zwischenmenschlichen Austausch sowie im fairen Gewinnen und im guten Verlieren. Deshalb sollte man Kinder so früh wie nur irgend möglich an das gemeinsame Kartenspielen heranführen.

Um mit Skat Spaß zu haben, muss man schon grundsätzlich Lust am Kartenspielen haben und Ambitionen zum Siegen, Gemeinschaft und Lernen mitbringen. Andere Kartenspiele sind oft nur regional zu finden, Skat hingegen wird deutschlandweit mit einheitlichen und gleichen verbindlichen Regeln des Deutschen Skatgerichts gespielt. Um die aktiven Skatspieler unter einen Hut zu bringen und Deutsche Meisterschaften (Einzel-, Tandem-, Mannschaft sowie viele Pokalturniere) ausrichten zu können, ist es erforderlich einen organisierten Dachverband wie dem Deutschen Skatverband e. V. (DSkV) zu haben. Mitglieder können so den Titel »Deutscher Meister« erhalten.

Altenburg als »Geburtsstadt des Skats« ist zwar der Sitz der Geschäftsstelle und prädestiniert für Skat, aber gespielt wird in ganz Deutschland, regional dann in ansässigen Vereinen, die es natürlich auch in Thüringen und in Altenburg gibt. Diese Verbindung führt uns zum Beispiel im Jahr 2018 in die Stadthallte »Goldener Pflug« nach Altenburg, wo wir den 4. Internationalen Skat Cup ausrichten. Hier ist eine Mitgliedschaft in einem Verein nicht erforderlich.

Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg

Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg (Quelle: Kartenmacherwerkstatt / Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg )

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Die Altenburger Kartenmacherwerkstatt – mit Praktikern im Museum

von Gastautoren Anja Fehre und Florian Voß

Die beiden Autoren arbeiten in der neuen Kartenmacherwerkstatt im Residenzschloss Altenburg:

Die Kittelschürzen ordentlich um die Hüfte gebunden, ein Paar Schutzhandschuhe in Größe S über die kleinen Finger gezogen und nun mit Farbrollen bewaffnet, setzen die zehnjährigen Mädchen und Jungen einer regionalen Grundschule zum finalen Farbauftrag auf die nachgemachten Modelle einiger historischer Holzdruckstöcke an: Wir befinden uns in der neuen Medien- und Druckwerkstatt im Altenburger Residenzschloss. Jede Menge neugierige Handwerker eifern hier den alten Kartenmachern des 15. und 16. Jahrhunderts nach und drucken per Hochdruckverfahren, dessen Technik ähnlich dem Stempeln ist, einen Kartenbogen ab. Sobald die Farbe mit der Rolle gleichmäßig auf das Modell aufgebracht wurde, wird es richtig spannend: Jetzt geht es an die etwa 500 Kilogramm schwere Hochdruckpresse, die auch die Kinder mit Anleitung selbst bedienen dürfen.

Mit einem derb-lauten Klacken löst sich die schwere Halbrolle aus ihrer Verankerung und wird mit ein wenig Anstrengung in Fahrt gesetzt: Werkstatt-Feeling pur an dieser mächtigen Maschine. Die Rolle fährt nun per Muskelkraft über den Holzdruckstock, auf den zuvor ein Papierbogen aufgelegt wurde. Das Bild des Modells überträgt sich auf das Papier. Sobald die Rolle wieder fest in ihrem Haken sitzt, greifen die kleinen Finger mit den übergezogenen Schutzhandschuhen zum Papier und ziehen es in ungeduldiger Spannung vom Holzdruckstock.

Seit dem 19. Juni 2016 probierten sich zahlreiche Besucher des Schloss- und Spielkartenmuseums in der neu eingerichteten Kartenmacherwerkstatt aus. Sie schauten dabei dem Lehrmeister über die Schulter, schnupperten echte Druckerfarbe und hatten sie an den gut geschützten Händen kleben – ein Museumserlebnis für echte Praktiker und nicht nur für junge Besucher eine faszinierende Erfahrung. Die meisterhaften Druckergebnisse dürfen anschließend natürlich mit nach Hause genommen werden. Auch der Entwurf einer eigenen Karte mit Grafik-Tablet, Computer und 3D-Drucker ist möglich: quasi Kartenmacher 2.0. In einem zweistündigen Workshop entwirft der Besucher eine Druckvorlage am PC-Bildschirm, die dann über die beiden 3D-Drucker greifbar gemacht und in der Werkstatt abgedruckt werden kann. So entstehen echte Unikate und mitunter kleine Kunstwerke.

Gedenkstätte Gothaer Tivoli

Gedenkstätte Gothaer Tivoli (Quelle: Förderverein Gothaer Tivoli )

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Die Geschichte der Gedenkstätte Tivoli in Gotha

von Gastautor Matthias Wenzel

Der Autor ist stellvertretender Vorsitzender im Förderverein Gothaer Tivoli e.V.:

Um das Jahr 1830 ließ sich der Gothaer Finanzrat Johann Wilhelm Andreas Lotze (1768-1846) in der damaligen Sundhäuser Vorstadt ein Gartenhaus errichten. Nach seinem Tod wurde darin eine Restauration eingerichtet. Die Restauration entwickelte sich zu einem Treffpunkt der in Gotha ansässigen Meister und Gesellen. Auch in Gotha entstand vor dem Hintergrund ökonomischer Veränderungen, verbunden mit wachsenden sozialen Ungerechtigkeiten, eine aktive Arbeiterbewegung. Im »Kaltwasserschen Saal«, vereinigten sich vom 22. bis 27. Mai 1875 der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (Lassalleaner) und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands (Eisenacher) zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (ab 1890 SPD) und verabschiedeten das Gothaer Programm.

Die 1885 eingeführte Bezeichnung »Tivoli« für die Restauration und die dazu gehörende Brauerei ist von der gleichnamigen italienischen Stadt abgeleitet und war seinerzeit ein populärer Begriff für einen Vergnügungsort. Nach dem Konkurs der Tivoli-Brauerei wurde nach 1919 im Erdgeschoss eine Kleinkinderschule untergebracht und der Saal fortan für Stadtverordnetenversammlungen genutzt. An dieser Nutzung änderte sich lange Zeit nichts. Nachdem die SED 1950 anlässlich des 75. Jahrestages des Vereinigungskongresses eine Gedenktafel mit der Inschrift »Nur die ideologische und organisatorische Einheit der Partei der Arbeiterklasse führt zu Frieden, Demokratie und Sozialismus« anbringen ließ, wurde am 21. April 1956 die »Nationale Gedenkstätte Tivoli« eröffnet.

Schließlich fand am 27. Januar 1990 in Anwesenheit von Willy Brandt (1913-1992) und Egon Bahr (1922-2015) im historischen Saal die Wiedergründung des SPD-Landesverbandes Thüringen nach 44-jähriger Zwangspause statt. An diesem Tag hielt Willy Brandt auf einer Großkundgebung auf dem Hauptmarkt eine mitreißende Rede. Im Oktober 1990 schloss die systembelastete Tivoli-Gedenkstätte ihre Pforten. Zwischen 1998 und 2004 ließ die Stadtverwaltung Gotha die inzwischen marode Bausubstanz sanieren. Anfang 2005 hat der bereits 1992 gegründete Förderverein Gothaer Tivoli das Haus von der Stadt zur Nutzung übertragen bekommen. Die Gedenkstätte steht seit 2006 nun uneingeschränkt für Besucher sowie als Tagungsort und internationale Begegnungsstätte zur Verfügung.

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